Donnerstag, 27. August 2015

Meeresbuch

"Stramm und wie frisch gewaschen spannte sich der Himmel über die Insel; nur in der Ferne waren ein paar weiße Wolken zu sehen, schaumig wie aufgeschlagene Sahne."


Meeresbuch nennt Nicole C. Vosseler ihren Roman "Zeit der wilden Orchideen" und führt den Leser in das Singapur des 19. Jahrhunderts. Vor der Kulisse des Südchinesischen Meeres am Rande des Pazifischen Ozeans erzählt die Autorin eine Geschichte von Liebe und Verlust...

1819 gründet Sir Thomas Stamford Raffles, seines Zeichens Handelsagent der Britischen Ostindien-Kompanie in Singapur die erste britische Niederlassung und weckt damit das sumpfige Dschungelland aus dem Dornröschenschlaf, in dem es jahrzehntelang gelegen hat. Denn zuvor lebten auf der Insel lediglich zwanzig malaiischen Fischerfamilien und ab und an ein paar Seeräuber. Bis 1824 vereinnahmt die Kompanie die gesamte Insel, nachdem sie dem Sultan von Johor abgekauft hat. Singapur dient als Handelsstützpunkt und entwickelt sich zu einem wichtigen Warenumschlagplatz. Da es zunächst kein kultiviertes Hinterland gibt, das Produkte und Lebensmittel liefern kann und zudem der Boden, die Topografie und Verteilung des Regenfalls für den Reisanbau ungünstig sind, eine Siedlung also andere Feldfrüchte anbauen oder das Meer als Nahrungsquelle nutzen müsste, wird die schwierige Ausgangssituation der Insel entschärft, indem viele Lebensmittel importiert werden. Sir Raffles führt stadtplanerische Maßnahmen durch, um einen optimalen Erfolg der Siedlung zu gewährleisten. Und 1867 wird Singapur zur britischen Kronkolonie. Bald wächst die Bedeutung von Singapur als Umschlaghafen wegen seiner geographischen Lage entlang der verkehrsträchtigen Schifffahrtswege zwischen China und Europa, nachdem 1869  der Suezkanal gebaut wird, der schnellere Überfahrten nach Europa ermöglicht. Dadurch steigen das Handelsvolumen und die Zahl der Einwohner beständig an.

Hier lebt Georgina mit ihrem Vater in einem Haus direkt am Meer. Das kleine Mädchen ist seit dem Tod der Mutter sich selbst überlassen, der Vater, ein Kaufmann, verhält sich ihr gegenüber aus unerklärlichen Gründen gleichgültig. Georgina ist sensibel und hat sich eine eigene Traumwelt geschaffen, die anderen verschlossen bleibt. Erst in dem Jungen Raharjo, einem Angehörigen der Orang Laut, der verletzt Zuflucht in ihrem Pavillon sucht, findet das kleine Mädchen einen Menschen, der sie zu verstehen scheint. An seiner Seite wird sie zu Nilam und Jahre später zur Frau...

Allerdings ist Raharjo ein Meeresmensch und wird vom Meer angezogen. Immer wieder hört er den Ruf und lässt Georgina für Wochen und Monate allein. Als sie feststellt, dass sie ein Kind erwartet, fühlt sie sich völlig hilflos. So nimmt sie das Angebot von Paul, einem Angestellten ihres Vaters, an und heiratet ihn. Am Tag der Hochzeit kehrt Raharjo zurück. Als er erkennt, dass er Nilam verloren hat, schwört er Rache...

Nicole C. Vosseler erzählt eine bewegende Geschichte vor exotischer Kulisse, die mit exakt recherchiertem Hintergrund aufwartet. Die Autorin versteht ihr Handwerk und fügt gekonnt den historischen Kontext ein, ohne den Leser zu strapazieren.

Überdies zeigt die Autorin, was sie aus der wunderbaren Sprache Deutsch komponieren kann. Denn oft liest sich der Text wie Musik.

"Eine Ahnung von Wasser lag in der Luft, wusch sie klar, füllte sie mit einem Wellenklang, der nicht zu hören, nur zu spüren war, ein Flüstern auf der Haut."

Ihre Schreibkunst ist von einer Üppigkeit und Sinnlichkeit, die insbesondere hinsichtlich der poetischen und Naturbeschreibungen hervorzuheben ist. Diese sind in ihrer bemerkenswerten Art und Weise geeignet, atmosphärische Stimmungen wiederzugeben und ein berauschendes Bild einer fremden Welt zu zeichnen.

"Die ersten Wolkenbänke fingen Feuer, und unter der Glut, die von ihren Säumen hinabtroff, färbte sich das Meer rot... Die über Nacht frisch gewaschenen Wolken... waren inzwischen verrußt. Schwerfällig drückten sie sich gegen die Insel, und der vorhin noch lichtblaue Himmel schwitzte milchiggrau."

"Wolkenschlieren maserten einen Himmel aus duftiger puderblauer Seide. Behäbig schmiegten sich ihre üppigen Schwestern an die Hügel, die sich wie weiche Moospolster an der Küste ausbreiteten."

"Das Indigo der Nacht blutete zu einem fahlen Blau aus, verlor weiter an Kraft und wich schließlich dem zarten Gold, das das Aufgehen der Sonne verkündet."

Der bildschönen Lyrik der Geschichte ist das Cover ausgezeichnet angepasst.

Doch der Autorin gelingt es daneben auch, die Schattenseiten im Paradies aufzuzeigen.

Die wachsende Wirtschaft in der Inselstadt benötigt Arbeitskräfte, zumeist sind es männliche Junggesellen, die einreisen, wodurch sich ein Ungleichgewicht von Männern und Frauen entwickelt. Wegen des geringen Frauenanteils in Singapur entstehen viele Bordelle. Prostitution ist ein florierendes Geschäft mit einem verzweigten Netzwerk nach China und Japan. Besonders bei den Chinesinnen handelt es sich in der Regel um gekaufte Frauen, die ohne Familie oder Freunde in Zeiten der Not ohne Hilfe ihr Dasein fristen müssen und kaum Geld für ihre oft erzwungenen Dienste erhalten.

Durch die facettenreiche Darstellung der historischen Örtlichkeiten und Gegebenheiten bekommt das Geschehen eine Tiefe, die sich ebenfalls in der Ausarbeitung der Protagonisten widerspiegelt. Denn die Autorin hat Figuren mit außergewöhnlicher Präsens geschaffen. Sie sind voller Leben und empfinden neben Liebe, Zuneigung und Glück, Begehren, Mitleid, Bedauern auch Schmerz, Hass, Stolz, Rache, Wut, Schuld, Reue, Trauer... Ihre Gestaltung ist im höchsten Maße überzeugend.

Im Mittelpunkt steht vor allem Georgina. Sie ist wie ein Diamant, hart und unbeugsam und so scharfkantig, dass man sich daran bis auf die Knochen hinunter blutig ritzen kann. Frauen wie sie sind selten, und sie sind kostbar. Man ist ein reicher Mann, wenn man das Glück einer solchen Frau erleben darf. Da lohnt es sich, Geduld zu haben. Zu kämpfen. Und doch ist dies nicht leicht, wie Paul erfahren muss. Denn irgendetwas im Wesen von Georgina trübt ihre Sicht auf das Naheliegende, Greifbare. Oftmals ist sie blind für die Wirklichkeit, lebt in einer Traumwelt, wie sie sie als Kind gesehen hat.

Paul dagegen ist ein stiller Held. Einer, der zur Stelle ist, als er gebraucht wird und die Chance ergreift, die Frau, die er begehrt, zu heiraten. Einer, der nicht frei von Fehlern durchaus auch die eine oder andere falsche Entscheidungen trifft. Einer, der sich in seiner weitherzigen Art aufrichtig, beständig und beharrlich um die Liebe von Georgina bemüht.

Im Gegensatz dazu ist Raharjo zwiegespalten. Bereits bei der ersten Begegnung knüpfen er und Nilam ein inneres Band, das lange, vielleicht sogar das ganze Leben halten wird. Ein Band, das nicht immer von Liebe geprägt ist. Denn obwohl die beiden sich behutsam einander nähern, ihre Gefühle füreinander vertiefen und dann sehr vertraut miteinander umgehen und ihre Wesen zu ergründen versuchen, ändert sich alles, als Raharjo Nilam verloren glaubt. Es kommt für eine lange Zeit Raharjos dunkle Seite zum Vorschein, die hart und ungerecht ist und hassen und verletzen und positive Gefühle nicht mehr zulassen will. Diese Wandlung ist nachvollziehbar geschildert.

Mit beeindruckender Sicherheit ist der Autorin außerdem die Charakterisierung sämtlicher Nebenfiguren gelungen. Sie alle beleben den Roman in einer Weise, die die Geschichte zu einem einzigartigen Leseerlebnis macht.

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