Freitag, 10. April 2026

DELIA Literaturpreis 2026 - Die Siegertitel


Auf der Leipziger Buchmesse wurden Mitte März die DELIA Literaturpreise verliehen.
Den DELIA Literaturpreis 2026 in der Kategorie ROMAN erhielt die Autorin Charlotte Roth für ihren Roman "Die Liebe der Mascha Kaléko".
Die Jury begründet dies:
„Es gibt Liebesromane. Und dann gibt es diese eine Geschichte, die dich mit der ersten Zeile packt, dir das Herz öffnet und es dir auf den letzten Seiten völlig neu zusammensetzt. Dieser Roman ist kein leises Flüstern. Er ist ein Puls. Ein Beben. Eine Erinnerung daran, dass Liebe nicht nett ist, sondern notwendig. Dass sie weh tut, rettet, zerstört und heilt. Jede Szene trägt dieses Knistern in sich, dieses ‚Jetzt passiert etwas, das alles verändert‘. Dieser meisterhaft komponierte, eindrucksvolle Liebesroman berührt nicht nur durch die fein ausgearbeitete, sprachliche Finesse, sondern auch durch seine besondere Emotionalität und eine fast schmerzhafte Nähe zu den Figuren. Man liest nicht, man erlebt mit. Und wenn man das Buch schließt, hat man nicht einfach eine Geschichte gelesen. Man hat eine große Liebe erlebt.“


Der DELIA-Literaturpreis 2026 in der Kategorie JUNGE LIEBE ging an Adriana Popescu für ihr Werk "Der Sommer mit dir".
Die Jury schreibt dazu:
„Ein mitreißender Roman, der die verschiedenen Stimmungen der Liebe zeigt, vom verheißungsvollen Sommerwind über dunkle Wolken bis hin zur Erkenntnis, welche Kraft in der Liebe liegt, wenn man sich ihr in all ihren Facetten öffnet. Dieser Liebesroman erinnert daran, wie überraschend und zugleich intensiv Nähe wachsen kann. Dabei lebt die Liebesgeschichte von jener besonderen Kraft, die entsteht, wenn zwei Menschen einander im genau richtigen Moment begegnen. Schmerz und Hoffnung, Zweifel und Zuversicht liegen dicht beieinander, während die Liebe bereits Wurzeln schlägt und sich auch in widrigsten Gegebenheiten nicht wieder vertreiben lässt. Genau diese Mischung erschafft einen Liebesroman, der die Herzen der Lesenden im Sturm erobert und sie so schnell nicht wieder loslässt.
Aufwühlend, romantisch und intensiv, ohne dabei die Leichtigkeit zu verlieren: Ein Kleinod und Meisterwerk zugleich.“

Herzlichen Glückwunsch!

Dienstag, 7. April 2026

Je tiefer der Wald

Vor zehn Jahren beginnt ein Albtraum für die Eltern der dreijährigen Leni, als das Mädchen während eines Ausflugs im oberbergischen Wald verschwindet. Seitdem befinden sich Julia und Sebastian in einer Spirale zwischen hoffnungsvoller Verzweiflung und Schuld.

Sie reagieren unterschiedlich auf den Verlust, die Ungewissheit und den seelischen Schmerz. Hieran scheitert ihre Beziehung. Denn während Sebastian die Suche nicht aufgibt, spürt Julia Erleichterung von dem Druck, der als Mutter auf ihr lastete.


Unverhofft taucht jedoch ein unbekanntes Mädchen auf und sagt nur ein Wort: Leni.


Ist sie Julias und Sebastians kleine Tochter? Die Ähnlichkeit ist verblüffend. Aber Leni zeigt sich unzugänglich und ängstlich.


Deshalb widmet sich Dr. Vinzenz Reker, ein erfahrener Kinder- und Jugendpsychologe, dem Kind. Er versucht behutsam und immer im Interesse des Mädchens, Licht ins Dunkel der Identität und Ereignisse zu bringen.


Für Julia und Sebastian werden hingegen alte Dämonen wachgerüttelt, der damalige Albtraum scheint wieder gegenwärtig zu sein. Wäre da nicht einerseits ihre Hoffnung, dass Leni ihre vermisste Tochter ist, auch wenn dieser die klar wahrnehmbaren gravierenden Veränderungen und Geheimnisse, die das Mädchen umgeben, gegenüberstehen …



In “Je tiefer der Wald” geht Daniel Kohlhaas vordergründig einem rätselhaften und ungeklärten Vermisstenfall auf den Grund und verwendet hierbei einen intensiven und empathischen Schreibstil, der den Handlungsverlauf dank kurzer Kapitellänge dynamisch vorantreibt, einen durchgängig kontinuierlichen Spannungsbogen beibehält, eine in Teilen bedrückende Stimmung vermittelt und uns als Leser unweigerlich in das Geschehen hineinzieht.


Doch die im elegischen Grundton erzählte Geschichte bietet noch einiges mehr. Sie fokussiert weniger das Verbrechen an sich, sondern befasst sich akribisch mit der psychologischen Seite der Vorfälle inmitten von Halbwahrheiten, Lügen und Geheimnissen, insbesondere den Empfindungen eines Elternpaares, die sich auf verschiedene Weise äußern.


Außerdem sind wir Zeugen von behutsamen Gesprächen des Psychologen mit einem traumatisierten Kind, in denen der Schmerz fast greifbar wird und die diesem emotional zusetzen. Auch aus diesem Grund legt er alles daran, das Schicksal von Leni zu ergründen und dem schweigsamen Mädchen dauerhaft helfen zu können.

Dabei wagt sich Daniel Kohlhaas auch an ein sozial eher tabuisiertes Thema: das Bedauern der Mutterschaft (“Regretting Motherhood”), einem anhaltenden Zustand, in dem eine Frau bereut, Mutter geworden zu sein, und zudem die Rolle als Mutter negativ erlebt.


Das lässt Julia zu einer Figur werden, bei der Annäherung schwierig ist, die allerdings im Verlauf der Handlung immer deutlicher Verständnis hervorruft.


Möglich wird dies durch die vom Autor gewählte Struktur aus zwei Erzählperspektiven. Neben den Szenen, die wir mit Vinzenz Reker bei den behutsamen Begegnungen mit Leni begleiten, sind wir an Julias Seite und werden in ihre Gedankengänge eingebunden.


Julia und Sebastian sind zwei vom Autor geschaffene Charaktere, die durch die zurückliegenden Ereignisse unter seelischer Erschütterung leiden, verunsichert und überfordert sind, die Erfahrungen der Vergangenheit zu bewältigen.


Erleichternd für die Schwere des Romans ist es, dass es seinem Verfasser in einigen Momenten gelingt, die düstere Grundstimmung etwas aufzuhellen, wozu die Dialoge mit Abir,  der Taxifahrerin von Dr. Reker, beitragen.


Mit “Je tiefer der Wald” hat Daniel Kohlhaas einen außergewöhnlichen und ambitionierten Thriller geschrieben, der den Leser auf Grund eines klugen Plots, des psychologisch fesselnden Geschehens sowie den komplex ausgearbeiteten Figuren in den Bann zieht und auch nach der Lektüre beschäftigt.


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Der Roman ist bei Niemeyer Buchverlage erschienen, ich danke dotbooks für die Bereitstellung des Rezensionsexemplares.