Montag, 28. September 2020

Im Doppelpack - Burg Tollkühn

Siggi soll einmal so ein Held werden wie seine berühmten Eltern Kriemhild und Siegfried. Darum schicken diese ihn auf die gerade gegründete Heldenschule „Burg Tollkühn“. Siggi ahnt Schlimmes, denn im Grunde seines Herzens will er gar kein Held werden. Nicht nur weil er für seine elf Jahre ziemlich klein und mager und zudem schüchtern und vorsichtig ist. Waffen mag er nicht besonders, Blut kann er ebenso nicht sehen. Und außerdem mangelt es ihm an Mut. Nicht zu vergessen plagen ihn viele Ängste: Er fürchtet sich vor Spinnen und Mäusen und auch vor der Höhe.

Aber Siggi beißt in den sauren Apfel und lernt die anderen Schüler kennen. Mit seiner liebenswerten Art findet er in Amazone Brünhild und Elf Filas schnell Freunde. Zwergin Tulga gnießt er mit Vorsicht. Angeber Hagen geht er aus dem Weg.

Die Schuldstunden haben es in sich. Richtig unerschrocken wird Siggi dadurch immer noch nicht. Dann allerdings begegnet er Wulfrik dem Tollkühnen, genauer seinem Geist. Der ehemalige Burgherr gibt ihm einen Tipp: Hätte er das magische Amulett von Courago, würde er eine Extraportion Mut erhalten und vor keiner Herausforderung mehr zurückschrecken. Tatsächlich hält Siggi kurze Zeit später das Amulett in den Händen und startet mit einigen Schulkameraden furchtlos eine Außenmission. Bis an die Oberkante seiner Haarspitzen gefüllt mit Mut. Doch so ungefährlich wie es anfangs scheint, ist ihr Abenteuer nicht...

Um es gleich vorweg zu nehmen. „Burg Tollkühn“ lebt von der Symbiose, die Autor Andreas Völlinger und Illustrator Zapf eingegangen sind.

Von Anfang wird der Leser in die Geschichte gezogen und dank des Tempos, das mit jedem Kapitel zulegt, und des steigenden Spannungsbogens, kommen überhaupt keine Langeweile auf.

Der Autor nimmt geschickt und auf heitere Weise das Thema „Heldenmythologie“ auf die Schippe. Seine Idee ist originell und fantasievoll mit einer Prise Magie, sein Schreibstil frisch und kurzweilig. Andreas Völlinger setzt auf kurze, prägnante Beschreibungen und überfordert nicht mit ellenlangen Szenen. Die Schauplätze des Geschehens sind gut vorstellbar, und zügige Wechsel, jede Menge Aktion, überraschende Wendungen sorgen für ordentlich Leben in der Bude Burg. So lässt sich das Buch nicht allein für Kinder ab acht Jahren prima lesen, sondern unterhält auch Erwachsene.

Nicht nur die Lehrer auf Burg Tollkühn, die Heldentruppe in spe ist ebenfalls bunt gemischt und zeigt unterschiedliche Charaktere mit Stärken und Schwächen. Da sind der ängstliche Siggi, die ehrgeizige Brünhild, der gedankenlose Filas, der schwertkämpferische Gunnar und Dramaking Damian. Natürlich fehlt mit Hagen ein Angeber und Stänkerfritze nicht. Und auch ein Haudrauf ist darunter: Zwergin Tulga darf aufbrausend und kampflustig sein.

Der Aufbau des Buches ist ausgezeichnet. Bereits in der Innenseite des Einbandes werden die „Helden“ mit ihren differenzierten Eigenschaften und Fertigkeiten vorgestellt. Zapf liefert schwarz-weiße, in ihrer Gestaltung ausdrucksstarke Illustrationen. Seine individuelle Gestaltung passt wie die Faust aufs Auge zu der jeweils beschriebenen Figur.

Und ganz nebenbei vermittelt der Autor auch noch eine Botschaft: Dass uns unsere Fähigkeiten und Eigenschaften zu außergewöhnlichen Helden machen. Dass wir maßvoll damit umgehen sollten. Dass wir unsere Ängste im Auge behalten, uns indes nicht von ihnen niederringen lassen und ihnen entgegenstehen. Dass wir aber letzten Ende nichts ohne die Freundschaft und den Zusammenhalt einer Gemeinschaft sind.


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Die Heldenschüler auf Burg Tollkühn sind im Alltag angekommen, als dieser mit dem Auftauchen eines weiteren Schülers frischen Wind erhält. Den Neuen hatten die Freunde Siggi, Brünhild und Filas bereits im Wald kennengelernt, als sie während der Heilkräutersuche vor einem wütenden Schrat fliehen und genau in jener Kutsche rettenden Unterschlupf finden, die den Heldenanwärter zur Schule bringt. Jago ist freundlichen zu jedermann, keiner kann sich seinem Charme entziehen. Nur Siggi traut ihm nicht über den Weg. Ist das vielleicht Eifersucht, die sich in ihm regt, weil Jago über ein reichhaltiges Monsterwissen verfügt und mit einem Talent zum Erzählen punktet?

Besonders nachdem auf Burg Tollkühn einige merkwürdige Dinge passieren: Ein Monsterskelett wird im Unterrichtsraum für Monster und Kreaturen zerstört, des Nachts ein Lehrer überfallen, und es verschwinden Gegenstände. Ein Höhlenschreck sucht die Burg heim. Und zu guter Letzt wird Schulmaskottchen Fafnir vermisst.

Hierdurch erhärtet sich Siggis Verdacht, dass sein Konkurrent etwas damit zu tun hat. Da seine Freunde allerdings von dem neuen Mitschüler ziemlich angetan sind, findet er bei ihnen nicht die erhoffte Unterstützung, Jago als vermeintlichen Verursacher des Übels zu entlarven.

Wobei es gerade jetzt wichtig ist, dass auf der Schule alles reibungslos läuft. Hoher Besuch hat sich angesagt. Baron Frando von Trutz reist zur Schule, die mit seiner großzügigen Förderung eröffnet werden konnte.

Deshalb nimmt Siggi im Alleingang die Ermittlungen auf. Als er in Jagos Zimmer auf einen Kettenanhänger mit einem unbekannten Wappen stößt und dieses dann in einem Heldenlexikon bemerkt, scheint das Geheimnis um Jago gelöst. Nur dass das Wappen nicht zu einer Heldenfamilie gehört, wie Jago alle glauben machen wollte...

Im Folgeband der Burg-Tollkühn-Reihe „Verrat auf der Heldenschule“ bleibt Andreas Völlinger seinem humorvollen Erzählton treu und führt seine kleinen Helden einfühlsam mitten hinein in ein aufregendes Abenteuer. Dabei ist der Wiedererkennungswert von Anfang an hoch, denn der Autor setzt seine Helden in einer stimmigen Kulisse und ihrem Typ entsprechend in Szene. Wenn der tollpatschige Elf Filas einem Waldschrat versehentlich ein paar Haare ausreißt, weil er die für das gesuchte Heilkraut namens Elfengras hält, und der Schrat das nicht einfach so hinnehmen will und die Verfolgung aufnimmt, ist das Schmunzeln über diesen lustigen Moment gesichert.

Dieses Mal wartet ein bedrohliches Geschehen auf Siggi und seine Freunde. Außerdem wird es mysteriös und rätselhaft, so dass vielfältige Ereignisse und verblüffende Überraschungen den Leser mitreißen, erstaunen und erfreuen.

Während Jago frischen Wind in die Geschichte bringt, steht zwar erneut Siggi im Mittelpunkt und kämpft nicht nur mit seiner dezenten Tapferkeit, sondern zudem mit seiner Eifersucht. Es ist aber jederzeit klar, dass er nicht allein das Rätsel nicht lösen und die Gefahr nicht abzuwenden vermag. Ohne seine Freunde kann auch Siggi kein Held sein.

Andreas Völlinger vermittelt, wie wichtig Zusammenhalt und Freundschaft in einer Gemeinschaft sind, wenn man etwas erreichen will. Es bereitet Freude, Mädchen und Jungen zu beobachten und zu begleiten. Der Autor hat seine Figuren detailliert ausgearbeitet. Sie sind mit ihren besonderen Fähigkeiten und ebensolchen Macken sehr authentisch und sympathisch und unterscheiden sich im Grunde kaum von realen Helden der Gegenwart. Möglicherweise entdeckt sich der eine oder andere junge Leser sogar.

Neben Siggi und Jago haben alle (weniger und mehr geschätzten) Schüler ihren Auftritt: Isolde darf wieder die Ohren mit ihrem fürchterlich-schönen Gesang strapazieren, Hagen mit seinen gehässigen Bemerkungen nerven, Filas unbeholfen durch den Wald laufen, Tulga aufbrausen, Brünhild eifrig und Damian von gestorbenen Helden fasziniert sein.

Burg Tollkühn. Verrat auf der Heldenschule“ wäre natürlich nichts ohne die genialen Zapf-Illustrationen. Abermals krönen sie die Geschichte mit ihrem signifikanten Stil und vervollständigen die feinen Nuancen der Handlung und tragen zu einem heldenhaften (Lese)Abenteuer bei.


Dienstag, 22. September 2020

Paul klaut blaue Prickelbrause

Haben Kinder heute noch Freude an sogenannten Zungenbrechern? Wenn sie „Paul klaut blaue Prickelbrause“ lesen, ist das bestimmt der Fall. Denn hier bekommen sie von Steffi Korda nicht nur lustige, kecke und verdrehte Holterdiepolter-Sprüche vorgesetzt, sondern auch gleich passende frisch-fröhlich-freche Bilder von Antje von Stemm dazu geliefert. Die Illustrationen sind kreativ und mit detaillierten, schelmischen Bildwitz kreiert, so dass sich auf den farbenfrohen Doppelseiten stets weitere Kleinigkeiten entdecken lassen. Manches Mal, wenn beispielsweise ein Zungenbrecher nicht ganz so dolle zündet, bringen sie auf jeden Fall die Mundwinkel zum Zucken und bewirken Schmunzeln und Lachen.

Steffi Korda bietet in „Paul klaut blaue Prickelbrause“ eine bunte Mischung aus 30 munteren und schwungvollen Zungenbrechern. Sie hat nicht nur einige bekannte Klassiker abgewandelt und aufgepeppt, sondern außerdem eigens von ihr neu erdachte Wortstolpereien der Sammlung hinzugefügt.

In stickigen Stuben pupst Ruben in Tuben, in Tuben pupst Ruben in stickigen Stuben.“

Das Buch kann selbst gelesen werden, aber viel mehr Vergnügen bereitet es beim Vorlesen. Für Leseanfänger oder Zuhörer stellen einzelne Sätze bestimmt eine Herausforderung dar, umso größer ist der Erfolg, einen Spruch immer schneller und korrekter sprechen zu können. Insofern fördert es durchaus die Sprachfertigkeit. Wobei es selbst erfahrenen Erwachsene gelegentlich und ordentlich an der Zunge kitzeln dürfte.

Paul klaut blaue Prickelbrause“ ist ein Gute-Laune-Buch, das Spaß verspricht, und den bekommt der Leser jeden Alters auch.

4,5 Sterne


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Erschienen ist das Buch im Dudenverlag, dem ich für die Bereitstellung des Rezensionsexemplares danke.


Sonntag, 13. September 2020

Schmetterlingstag

Der Sommerflieder hat sein zweites Blütenkleid angelegt. Der heutige Sonnenschein wurde trotz Wind zu einem Besuch genutzt. Admirale und Tagpfauenauge waren fleißig bei der Arbeit.



Auch mit fehlenden Flügelteil klappt die Nektaraufnahme.






Mittwoch, 9. September 2020

Es könnte stürmisch werden


Zwanzig Jahre lebte Jana in der Fremde, als sie beschließt, in ihre Heimat zurückzukehren. Nach der Trennung von Ehemann Mick fühlt sie in New York nicht mehr wohl. Dank ihres alten Freundes Simon ist zumindest jobmäßig alles bestens gerüstet für einen Neustart in Hamburg.

Um vorab Details zu besprechen, reist Jana in die Hansestadt und lernt an ihrem ersten Abend an der Bar des Hotels den äußerst charmanten Hek kennen. Nach einem besonderen Kuss trennen sich allerdings ihre Wege. Jana hat nun andere Sorgen als die Frage nach dem Warum. Denn noch weiß Tochter Ava nichts von ihren Plänen. Begeisterungsstürme gibt es verständlicherweise nicht, die Fünfzehnjährige verlässt den amerikanischen Kontinent nur ungern. Zudem gestaltet sich die Wohnungssuche sich in der Hansestadt schwierig. Erst als Simon hilfreich einspringt, öffnet sich die Möglichkeit, eine kleine Dachgeschosswohnung anzumieten. Dumm bloß, dass der Vermieter Hek(tor) heißt, eine attraktive – wenn auch zickige – Freundin hat, mit dieser im Haus wohnt und Jana einfach nicht aus dem Kopf will.

Oder ist möglicherweise Simon mehr als nur ein Freund?

Nicht allein Jana sieht sich stürmischen und emotionalen Herausforderungen gegenüber…


Maja Overbeck beweist mit ihrem zweiten Roman „Es könnte stürmisch werden“ erneut, dass sie ein Händchen für Beziehungen und zwischenmenschliche Interaktionen hat, ohne diese trivial oder überzogen zu präsentieren. Sie schätzt ihre Protagonisten, bringt ihnen (großzügiges) Wohlwollen entgegen und blickt ihnen sanft, jedoch tief ins Herz und lässt den daran Leser teilhaben. Durch die stimmungsvolle, intensive und glaubwürdige Schilderung der Gefühlswelt ihrer Figuren fällt es leicht, insbesondere die Empfindungen von Jana und Hek zu reflektieren, so dass es eine Freude ist, sie zu begleiten. Von Anfang vermittelt Maja Overbeck, dass ihre Helden nicht bedenkenlos und gleichgültig ihr Leben meistern. Sie strahlen äußerlich eine gewisse Festigkeit aus, stecken allerdings innerlich durchaus so manches Mal im Zwiespalt. Jana und Hek sind Menschen mit Fehlern. Sie haben Probleme. Sie dürfen unzulänglich oder wankelmütig sein in ihren Vorsätzen, Entscheidungen und Emotionen.

Aber er hatte Jana geküsst, alles andere als vorsichtig. Und er war kurz davor gewesen, einen Fehler zu machen. Viel zu hart am Wind, mitten rein in die Powerzone, bereit, volles Risiko zu gehen – einen Kuss lang zumindest.“ (Seite 34)

Es könnte stürmisch werden“ zeichnet eine zeitgemäße, sorgfältige Sprache aus, in der zuweilen amüsante Töne anklingen. Maja Overbeck schreibt unbeschwert, aber mit Bedacht – keine ihrer Figuren wird vorgeführt, wenngleich nicht alle einen Sympathiebonus erhalten. Die Veranschaulichung der Ereignisse ist ungezwungen und bietet Abwechslung. Die Autorin fügt örtliche Gegebenheiten gekonnt und mit der Erkenntnis ein, dass der Leser bei einem Besuch in Hamburg oder beim Kitesurfen am Strand von St. Peter Ording Jana und Hek und all den anderen Mitstreitern jederzeit begegnen könnte und das auch möchte.

Liebe ist ein zentrales Thema, indes in der Entwicklung der romantischen Szenerie herzerfrischend und angenehm zurückhaltend. Daneben werden mehrschichtige Themen artikuliert: Erwartungen und Bindungen innerhalb der Familie, Freundschaft, die Erfüllung von Wünschen und das Verwirklichen von Zielen und Träumen, das Abschließen mit der Vergangenheit und das Aufeinanderzugehen, das Überwinden eigens gesetzter Hindernisse und das Beweisen von Mut, auch über Schatten zu springen.

Während Jana in ihrem neuen Job bald gut zurechtkommt, bestreitet Hek auf dem Posten des Geschäftsführers der Firma seines Vaters, den er vor Kurzen auf dessen Drängen übernommen hat, im Grunde von Anfang an einen verlorenen Kampf. Nach wie vor trifft der Senior die Entscheidungen. Im Privatleben der beiden läuft ebenfalls nicht alles glatt. Hektor machen die schwindende Liebe zur explosiv wilden und energischen Suzanna, mit der ihn keinerlei Interessengleichheit verbindet, und seine mangelnde Entschlusskraft zu schaffen. Jana muss sich mit den Bedürfnissen ihrer pubertierenden Tochter und ihrem gespannten Verhältnis zu ihrer Schwester Anne auseinandersetzen.

Und beide überrollt die Liebe wie eine Welle. Wird es ihnen gelingen, den nahenden Sturm zu beherrschen?


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Ich danke der Autorin und der Netzwerk Agentur Bookmark für die Bereitstellung des Rezensionsexemplares.

Mittwoch, 2. September 2020

Kleines Fotorätsel am Mittwoch

Wer bin ich?


Eine hellgrüne, ziemlich große Raupe, werdet ihr antworten.


Aber wie lautet mein Schmetterlingsname, wenn ich erwachsen bin?


Samstag, 29. August 2020

Stippvisite am Meer


Die Bilder sprechen hoffentlich für sich...







 



Donnerstag, 27. August 2020

Rezensionswoche 5. Tag: Feuertaufe

Nach dem Tod seines Onkels Sebastian, bei dem er seit seinem fünfzehnten Lebensjahr aufwuchs, erbt der Mittvierziger Junggeselle Lorenz Lovis den Messner-Hof. Seine Begeisterung hält sich jedoch in Grenzen. Denn eines ist Lorenz auf keinen Fall – ein Bauer. Als Angestellter der italienischen Staatspolizei in Brixen hat er von Landwirtschaft überhaupt keine Ahnung, auch an Interesse mangelt es ihm. Er ist daher unsicher, ob er das am Totenbett des Onkels gegebene Versprechen, den Bauernhof weiterzuführen, einhalten will und vor allem kann.

Andererseits sind auch seine beruflichen Aussichten alles andere als rosig. Der Dienst unter seinem verhassten Chef Commissario Botta ist die Hölle und geprägt von ständigen Drangsalierungen, Beleidigungen und Demütigungen. Und als Lorenz von diesem dermaßen provozieren wird, dass er seinen Job und damit jahrelange „Knechtschaft“ als Schuhabstreifer hinschmeißt und kündigt, scheint der Hof so etwas wie Halt zu bieten. Der anfänglichen Erleichterung, sich nicht mehr den Schikanen ausgesetzt zu sehen, folgen unmittelbar Existenzängste. Wovon soll er leben und wie die Schulden abbezahlen, die Onkel Sebastian in den letzten Jahren angehäufte, auch wenn Knecht Paul, der Ahnung von der Bewirtschaftung hat, und Angelika, die ebenfalls auf dem Hof wohnt und sich um das leibliche Wohl kümmert, ihre Unterstützung zusagen.

Und ist die Idee, als Privatdetektiv zu arbeiten und so etwas wie der „Südtiroler Matula“ zu werden, wirklich die Lösung?

Noch immer voller Zweifel kommt neben einer Anfrage einer besorgten Mutter über den Aufenthalt ihres Sohnes der Auftrag des ortsansässigen „Barons“ Carlo Cavagna gerade recht. Lorenz soll ermittelt, wer tote Uhus auf dessen Grundstück wirft. Bringt dadurch jemand seinen Unmut über die umstrittenen Baupläne für ein Wellnessluxushotel gigomantischen Ausmaßes zu Ausdruck und will diese vereiteln? Doch nicht nur die sinnlos gemeuchelten Vögel bereiten Lorenz Kopfzerbrechen. Als sein Auftraggeber in der eigenen Jagdhütte in Flammen aufgeht, ist es mit der ohnehin trügerischen Ruhe im malerischen Brixner Talkessel vorbei. Ehe Lorenz Luft holen kann, steht er selbst unter Mordverdacht.


In „Feuertaufe“ von Heidi Troi ist von Anfang an die Hingabe zu ihrer Heimat Südtirol zu spüren. Die Autorin hat mich jedenfalls mühelos in eine wunderschöne Umgebung mit beeindruckenden Berggipfeln, grünen Tälern und Wäldern, Gewässern, Weinbergen, Städten und Dörfern versetzt, ohne dass ich jemals dort gewesen bin. Aber ihre Darstellung von Land und Leuten ist so detailliert, warmherzig und vorstellungsintensiv, dass ich Flachländerin mich sogleich eingeladen fühle.

Foto: Heidi Troi

Die Ausläufer des Brixner Talkessels lagen vor ihm. Nach Osten hin, noch ganz in Sonne getaucht, schirmte die Plose Brixen vor allem Unbill ab, nach Westen hin erledigte der Radlsee dieselbe Arbeit. Die Sonne hing nur noch ein paar Fingerbreit über dem Kamm des Kühbergs und würde bald dahinter verschwinden und den Talkessel in Schatten und Kälte zurücklassen. Noch aber schickte sie ihre Strahlen ins Tal und tauchte alles in ein freundliches Licht.“

Foto: Heidi Troi

Der Erzählton, den Heidi Troi anschlägt, ist wohltuend undramatisch und behutsam. Sie kommt ohne die erschreckende Beschreibung von brutaler Gewalt aus, allerdings auch ohne Verklärung der tödlichen Situationen. Tatsächlich schafft sie es mit einer besonderen Form von Zuwendung und Hingabe, Leichtigkeit und viel Humor, dem Geschehen die Schwere zu nehmen.

Lediglich die italienischen Sätze, denen keine sofortige Übersetzung oder Erklärung folgen, gestalten sich für jemanden, der die Sprache nicht beherrscht, etwas umständlich.

Hiervon einmal abgesehen sorgen vor allem der Witz und die Ironie, mit denen die Autoren ihre Figuren ausgestattet hat, für amüsante Unterhaltung. Ich habe bei den schlagfertigen Dialogen und Gesprächen sehr oft geschmunzelt und sogar herzhaft gelacht.

Freude macht es insbesondere, den Protagonisten Lorenz Lovis kennen und seine reizende sympathische Art, mit den Dingen umzugehen, schätzen zu lernen.

Lorenz ist ein netter Kerl, wenn auch ungewöhnlich und aus der Sicht seiner Freunde ein Zauderer, der zu feige für das Geschenk ist, das ihm in Form des Hofes in bester Tallage mit Obstwiesen, Weinberg, Gemüsefeldern und sogar einer Alm in dichter Nähe zur Stadt in den Schoß gefallen ist. Enormer Tatendrang zeichnet ihn nicht unbedingt aus, und oft stolpert er über die eigenen Füße. Trotz seines Zögern und seiner Bedächtigkeit trägt er einen schlauen Kopf auf seinen Schultern, den er indes bislang wenig genutzt hat, so dass er sich deshalb von seinem Bauchgefühl leiten lässt. Neugier kann ihm nicht abgesprochen werden, seine Ermittlungsmethoden sind etwas unorthodox und seine Ausstattung mit einem Steinzeit-Handy hoffnungslos veraltet.

Aber er hat bemerkenswerte Unterstützer an seiner Seite: Paul, der den Hauptteil der Hofarbeit stemmt. Angelika, die (fast) immer eine positive Energie ausstrahlt, obwohl sie als Krankenschwester sich nahezu täglich mit schwerer Krankheit und Tod auseinandersetzen muss. Die drei Jungen Matthias, Iwan und Erik, die mehr Ahnung von moderner Technik haben, als Lorenz jemals von sich sagen kann. Und erwähnt werden muss noch Alma. Das Araucana-Huhn ist stets bereit, sich die Probleme ihres Herrchens "anzuhören".

Foto: Heidi Troi

Lorenz Lovis hat die „Feuertaufe“ bestanden. Die kurzweilige Lektüre überzeugt mit einem Gesamtkonzept, einer Mischung aus Lokalkolorit und authentischem Ermittler, in der es die eine oder andere Wendung und Überraschung gibt. Sie ist ein gelungener und empfehlenswerter Start der Krimireihe um den Südtiroler Privatdetektiv.

4,5 Sterne


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Erschienen ist das Buch im Servus-Buchverlag, dem ich für die Bereitstellung des Rezensionsexemplares danke.

Mittwoch, 26. August 2020

Rezensionswoche 4. Tag: Iugulus

Als Hauptkommissar Karl Seitz und Kommissarin Maria Strobl zu einem Mord gerufen werden, können sie nur ahnen, dass dem gesteinigte Opfer weitere folgen werden. Eine Verbindung zwischen den Getöteten ist nicht auszumachen, und auch das Motiv bleibt zunächst im Dunkeln. Aber der Täter offenbart eine Affinität zur uralten Hinrichtungspraktiken, die bereits zu Zeiten Jesu angewandt wurden.

Die Nachforschungen gestalten sich schwierig, wofür auch Karl Seitz verantwortlich ist. Denn Nettigkeit ist keine von seinen Eigenschaften, mit der Kollegen und Kriminelle den Hauptkommissar der Münchener Mordkommission als Erstes bezeichnen würden. Vielmehr trifft es „aufbrausend und bissiger als ein Yorkshire Terrier“ schon eher, und seine Launen sind gefürchtet. Nicht nur seit sich vor ein paar Wochen seine ehemalige Mitarbeiterin Katrin Fischbach versetzen lassen hat. Die kompetente, rationale und vor allem freundliche Kollegin bildete mit Seitz ein perfektes Duo mit hoher Aufklärungsquote bei ihren gemeinsamen Fällen und eine Art Sicherung für den zu Extremen neigenden Hauptkommissar. Doch nicht allein die Arbeit macht diesem zu schaffen. Auch in seinem Privatleben sind einige Minen vergraben. Seit zwei Jahren ist von einem Tag auf den anderen seine Ehefrau Anja verschwunden. Die Liebe seines Lebens hat ihm Halt und Kraft gegeben.

Sentenz von Nitzsche: Wenn du lange in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich hinein...
Der Abgrund blickte in Karl hinein, weil er zu lange in das Loch gestarrt hatte, das Anjas Verschwinden gerissen hatte. Was ihm dieses lichtlose, schmerzhafte Nichts nahm, wurde durch Wut ersetzt. Heiße, jähe Wut, die ihn aus dem Hinterhalt überfiel und niederrang.“ (Seite 134)

Nun muss er mit seiner neuen Kollegin Maria klarkommen, oder besser, sie mit ihm (aus oben erwähnten Gründen). Während Karl Seitz bald ihr Potential erkennt, nähern sie sich Schritt für Schritt dem Täter...


Peter Hohmann verdeutlicht in „Iugulus“, dass er ein fähiger Erzähler ist, der seine gegenwärtige Handlung mit Ein- und Rückblicken in die Gedankenwelt des Täters paart und mit einem wechselhaften Spannungsbogen untermalt. So wie Höhen und Tiefen die Tage, Wochen und Monaten von Karl Seitz prägen, gleicht auch die Geschichte einer Berg- und Talfahrt, die mit vielen Geheimnissen beginnt, die es im Verlauf des Geschehens zu lösen gibt.

Sprachlich punktet der Autor mit einer überzeugenden Bildgewalt, die insbesondere an den Tatorten zum Tragen kommt. Hier nimmt Peter Hohmann wahrlich kein Blatt vor den Mund. Das macht das Geschehen aber weitgehend eindrucksvoll und beschert beim Lesen durchaus schauriges Frösteln. Zum Ausgleich wird dem Leser die Lektüre allerdings daneben mit einigen komischen Szenen und Dialogen versüßt.

Peter Hohmann gelingt eine feingezeichnete authentische Charakterisierung seiner Figuren, wodurch die Schilderung der Ereignisse durchweg nachvollzogen werden kann. Besonders mit seiner Hauptfigur hat der Autor Mut bewiesen und ihn aus der Masse der üblichen Kriminalisten herausgehoben. Erscheint Karl Seitz anfänglich noch als launenhafter „Kotzbrocken“ sondergleichen, entwickelt sich im Verlauf des Geschehens nach und nach Verständnis für den derzeit alleinerziehenden Vater, befindet er sich doch mehrfach in der Bredouille:

Der unorthodoxe, äußerst sperrige, indes auf seine Art geniale Ermittler leidet unter dem Verlust seiner Frau und versinkt in grausam pulsierender Schwärze, weil deren spurloses Verschwinden und die damit einhergehende Realität - entweder der Tod oder die Flucht aus ihrem alten Leben – nicht greifbar für ihn ist. Er klammert sich an die Hoffnung, (oder ist es Selbstgeißelung?), dass Anja noch am Leben ist und irgendwo gefangen gehalten wird. Und so forstet er jeden Freitag die Vermisstenanzeigen durch.

Außerdem bereiten seine Kinder ihm Sorgen: Die pubertierende Tochter freundet sich mit einem Drogensüchtigen, und die sonst unproblematische Beziehung zum neunzehnjährigen Sohn läuft ebenfalls aus dem Ruder.

Gerade die innere Zerrissenheit und Hilflosigkeit seines Protagonisten vermag Peter Hohmann auf einfühlsame Weise zu vermitteln, so dass erkennbar wird, was für ein trauriger Mensch Karl Seitz tatsächlich ist. Dem ich darum mehr Balance wünsche, vielleicht beim nächsten Fall...

4,5 Sterne


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Ich danke dem Autor für die Bereitstellung des Rezensionsexemplares.