Freitag, 4. Januar 2019

Mundus Perditus. Die vergessene Welt

Vernita ist Polizistin aus Leidenschaft und bei ihren Einsätzen in New Rise City immer mit Feuer und Flamme dabei. So lässt sie es sich nicht nehmen, den Vorschriften zuwider zu handeln, als in der Innenstadt blitzartig ein rätselhafter Wald auftaucht, in dem viele Menschen zu Tode kommen. Vor allem auch, weil da eine schmeichelnde, sanfte Stimme inmitten des finsteren Dickichts Vernita magisch anlockt.

Ist das Mädchen mit dem roten Umhang, das plötzlich vor ihr steht, wirklich Rotkäppchen? Eine märchenhafte Begegnung scheint es jedenfalls nicht zu werden. Ohne Gelegenheit zu bekommen, Licht ins Dunkel zu bringen, wird Vernita angegriffen und erfährt bei ihrem Erwachen im Krankenhaus drei Tage später, welch unbegreiflicher, doch realer Albtraum ihre Heimatstadt gerade heimsucht. New Rise City versinkt im Chaos, denn „Rotkäppchens“ Anwesenheit bedeutet nur den Anfang eines schauderhaften und entsetzlichen Geschehens, bei dem die Menschen reihenweise sterben.

Ist Vernita tatsächlich die einzige Option der Menschen, dem tödlichen Unheil zu entgehen, wie Ruiz, ein Wächter aus einer anderen Dimension es darstellt? Schließlich ist es inzwischen offensichtlich, dass es Dämonen aus eben jener vergessenen Welt sind, die New Rise City überrennen...


In "Mundus Perditus. Die vergessene Welt" steigt Carmen Gerstenberger ohne viel Federlesen in die Handlung ein und konfrontiert ihre sympathische und energische Heldin Vernita mit schier Unglaublichem: Sie soll die einzige, die letzte Hüterin sein, die die Bewohner von New Rise City retten kann.

Ohne ein paar hilfreiche Begleiter sieht das Ganze allerdings nicht erfolgsversprechend aus. Außerdem muss Vernita zunächst einmal initiiert werden, um als Hüterin ihre Aufgaben erfüllen zu können, wie ihr Ruiz und sein schuppenartiger Dämonengefährte Marno (einer von den Guten) deutlich erklären. Aber Vernita ist keine Frau, die lamentiert und mit ihrem Schicksal hadert, sondern eine verunftbegabte Person. Schließlich hat sie sich auch in der von Männern dominierten Arbeitswelt behauptet und keine Schwäche gezeigt. Nebenbei bemerkt ist die Zeit knapp, auch für zielorientierte Fragen, das findet sich alles schon.

Die Geschichte, in der anfangs scharf gesetzte Schnitte im Erzählfluss mit schnellen Wendungen und aktionsreichen Ereignisse einhergehen, funktioniert über weite Strecken gut, verstrickt sich jedoch im Verlauf in Längen und Wiederholungen, während Carmen Gerstenberger nicht an detaillierten und bebilderten Schilderungen der Leichen, ekligen Körperflüssigkeiten, Grausamkeiten und Kämpfe spart. Kaum hat die Hüterin einen Dämon erledigt, taucht das nächste Geschöpf auf. Soweit Vernita erneut in Blut und Schleim „duscht“ und darüber schimpft, ist das durchaus zum Schmunzeln, gleichwohl nicht sehr variantenreich.

Die Autorin setzt dem ansonsten düsteren und bluttriefenden Handlungsablauf zur Auflockerung viele heitere Momente entgegen. Besonders die zwischen Vernitas Kollegen Jares und Gangsterboss Alvarez verbal ablaufenden Streitereien gepaart mit flippigen Sprüchen sorgen für frisch und fröhliche Kurzweil. Und auch Marno fällt mit spitzfindigen und teilweise scharfzüngigen Kommentaren auf, wenn er nicht das Weite sucht und sich aus allem heraushält. Ruiz letzten Endes darf das tun, wofür ein Wächter eben da ist und nebenbei auch seinen Charme spielen lassen.

Ein Manko ist leider, dass es trotz vorhandener Emotionen an einer tiefgreifenden Intensität fehlt. Deshalb schwächelt auch die eingebaute Liebesgeschichte, die wegen der Dämonenjagd gar nicht richtig zum Zuge kommt.

Zwar überzeugt "Mundus Perditus. Die vergessene Welt" nicht in der Gesamtheit, bietet ungeachtet der Schwächen aber einigen Unterhaltswert.


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Erschienen ist der Roman im Eisermann Verlag, dem ich für die Bereitstellung des Rezensionsexemplares über die Netzwerk Agentur Bookmark danke.

Dienstag, 1. Januar 2019

Willkommen 2019!



Der Himmel mag manchmal trüb sein,
aber denkt immer daran,
euren Blick freizuhalten für das Wesentliche...



Montag, 31. Dezember 2018

Im Doppelpack - Mörderisches Kroatien

Auch in einer Urlaubsidylle wie der kroatischen Hafenstadt Rijeka wird gemordet. Doch der Mann, der inmitten seines Blutes von dem Mitarbeiter der städtischen Reinigung während der nächtlichen Tour gefunden wird, gibt der Mordkommission um Inspektorin Sandra Horvat Rätsel auf. Die zeitnahe Befragung der Nachbarn des Toten und die Suche nach Zeugen bringt zunächst keine Ergebnisse. Erst die genaueren Ermittlungen im Umfeld des Ermordeten versprechen einen Hoffnungsschimmer auf ein Tatmotiv. Hingegen bleiben die Gründe für eine weitere Bluttat – eine 75-jährige Frau wurde mit ihrem Schnellkochtopf erschlagen – im Dunkeln.

Während Sandra Horvat nicht nur ihre mit eigenen Querelen beschäftigten Kollegen Jakov Milić und Mihajlo Zelenika unter Kontrolle halten muss, hat sie zudem noch einen neuen Mitarbeiter anzuleiten. Danijel Sedlar, ungemein gutaussehend, aber auch meinungsfest, stellt sich als Gefahr für Sandras Seelenfrieden heraus, fühlt sie sich doch zu ihm hingezogen. Wäre Danijel nicht verheiratet...


„Mord mit Meerblick“ gehört zu den ruhigen „Cosy-Crime“-Geschichten, die neben der klassischen chronologisch verlaufenden Ermittlungsarbeit ohne spektakuläre Effekte auskommen und dafür mehr Augenmerk auf die zwischenmenschlichen Beziehungen richten. Gleichwohl gelingt es der in Kroatien geborenen Ranka Nikolic, die als Kind mit ihren Eltern nach Deutschland kam, in ihrem Debüt einen Kriminalroman zu erzählen, in dem die Suche nach dem Täter und das Prüfen von Indizien, Verdachtsmomenten und Motiven auch dem Leser die Möglichkeit für eigene Vermutungen und damit ausreichende Spannungsmomente beschert.

Ranka Nikolic hat mit Rijeka, der drittgrößten Stadt Kroatiens in der Kvarner-Bucht, eine pulsierende Urlaubsmetropole in den Mittelpunkt gerückt, die mit beispielloser Kulisse aufwartet. Die Autorin gewährt nicht nur Eindrücke in die multikulturelle Vielfalt der Bevölkerung und deren Mentalität und Lebensweise, sondern ebenso einen Blick in die durchaus als bewegende Landeshistorie. Denn die bereits in der Antike von Römern besiedelte, strategisch günstig gelegene Stadt musste sich später wechselnden Mächten wie den Habsburgern und Italienern beugen. Dass der eine oder andere Satz geringfügig nach Reiseführer klingt, sei der Autorin nachgesehen, weil dies auf eine sympathische Art geschieht und den Leser nicht langweilt.

Daneben hat Ranka Nikolic mit Sandra Horvat und „ihren Männern“ eine illustre Protagonistenschar geschaffen, die mit ihren unterschiedlichen Vorzügen und Macken der Handlung gewisse Reize versetzt. Eine minimal stereotype Beschreibung und Überzeichnung ihrer Charaktere mag vorhanden sein. Beispielsweise wenn die Autorin die siebenunddreißigjährige Sandra als tüchtige und zielstrebige, ansonsten immer wieder in der sie umgebenden Männerwelt um Anerkennung ringende Frau darstellt, die sich trotzdem der Attraktivität ihres neuen Kollegen Danijel nicht entziehen kann. Danijel fällt anfangs durch Selbstbewusstsein und seine rationale Denkweise, aber mangelndes Einfühlungsvermögen auf, das sich erst im Verlauf der Ereignisse entwickelt. Der unter Liebeskummer leidende Jakov Milić wohnt noch zu Hause bei seiner Mutter und steht dazu. Das bietet allerdings seinem Kollegen Zelenika, der auch nach mehreren Versuchen sein Alkoholproblem nicht im Griff hat, Gelegenheit für Frotzeleien und bissige Kommentare.

Überhaupt sind die Dialoge - gerade zwischen Milic und Zelenika - mit Augenzwinkern versehen und verleihen der Geschichte oft eine heitere Unbeschwertheit, weil sie ohne wirkliche Boshaftigkeit auskommen. Lediglich bei der Schilderung des Hin und Hers in der Beziehung von Sandra und Danijel verliert sich die Autorin ein wenig.

„Mord mit Meerblick“ erweist sich als Kriminalroman im gemächlichen Fahrwasser, dem etwas mehr Tempo gut getan hätte, der indes mit dem Geschehen in reizvoller Umgebung und lebensechten Protagonisten unterhält.

3,5 Sterne


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Ein neuer Fall für Sandra Horvat und ihre Kollegen: Der bekannte und erfolgreiche Wunderheiler Damjan Martinović ist in dem in der Nähe von Rijeka gelegenen Dorf Malnari ermordet worden. Für Sandra gestalten sich die Ermittlungen schwierig, hat sie doch so gar nichts für Menschen wie Damjan übrig, die mit Handauflegen und anderen angeblichen Heilkünsten viel Geld verdienen.

Zwar hat Damjan diversen Mitbewohnern in seinem Haus ein kostenfreie Unterkunft gewährt, sich aber andererseits nicht nur Freunde gemacht, weil sich einige seiner Versprechungen als falsch erwiesen. Auf sein Konto scheint sogar ein Toter zu gehen, weil dieser die Schulmedizin ablehnte und den Heilmethoden von Damjan vertraute, der tatsächlich geglaubt hat, er könne Menschen durch Berührung heilen.

Da Damjan eine lokale Berühmtheit ist, interessiert sich die Presse außerordentlich für den Fall. Der Druck, der dadurch entsteht, erschwert die Ermittlungen für Sandra, zumal auch die Beziehung zu ihrem Kollegen Danijel Sedlar zu keiner Klarheit gefunden hat.


In „Mord im Olivenhain“ wird dem Leser der Einstieg in das Geschehen im kroatischen Rijeka mit einem Stadtplan und einem Personenregister erleichtert. Ranka Nikolić knüpft an die Handlung von „Mord mit Meerblick“ an und behält ihre Grundlinie bei: Sie bietet dem Leser eine atmosphärische Darstellung der kroatischen Gegebenheiten in einer geruhsam, schnörkellos erzählten Geschichte, in der neben bekannten nun neue Protagonisten agieren, deren Zahl an Umfang zugenommen hat

Ranka Nicolić hat nicht nur die neu auftretenden Personen mit unterschiedlichen Wesenszügen ausgestattet, sondern auch ihre Hauptfiguren weiterentwickelt. Besonders Zelinka fällt auf. Er ist seit ein paar Wochen trockener Alkoholiker, woraus manchmal extreme Stimmungsschwankungen und Kratzbürstigkeit resultieren, die er an seinem Kollegen Milić auslässt. Auf den überempfindlichen Sarkasmus von Zelenika reagiert Milić mit derben Humor. Nach wie vor verbindet die beiden eine Art Hassliebe, was sie natürlich niemals zugeben würden. Erneut bringen die Dispute der beiden Männer eine heitere Leichtigkeit in die Geschichte, die die Ernsthaftigkeit bei den Mordermittlungen allerdings nicht unterläuft.

Sandra Horvat und ihre männlichen Kollegen arbeiten intensiv und effektiv zusammen. Das müssen sie auch, da die Liste der Verdächtigen umfangreich ist. Danijel Sedlar fügt sich inzwischen besser in die Gruppe, macht aber immer noch typische Anfängerpatzer. Allerdings bringen seine nicht im konformen Denkansätze die Ermittlungen durchaus voran. Indes sind die unterschwelligen Gefühle zwischen ihm und Sandra nach wie vor vorhanden, doch Sandra möchte keine Flirtereien mehr.

Die Beschäftigung mit Wunderheilern nutzt die Autorin zudem zur Thematisierung von Glaubensfragen – Sandra beispielsweise ist „mittelgläubig“, keine Atheistin, eher eine ewig Suchende – und zudem Einblicke in Familienkonstellationen.

Insgesamt überzeugen die Schilderung des lokalen Umfeldes und der darin handelnden Personen auf angenehme Art und Weise und verführen den Leser dazu, den Ort des Geschehens einmal selbst aufzusuchen.

4 Sterne


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Erschienen ist der Roman im Blanvalet Verlag, dem ich für die Bereitstellung des Rezensionsexemplares danke.

Sonntag, 30. Dezember 2018

Damals war's...

... vor 40 Jahren, als der Katastrophenwinter 1978/79 über uns hereinbrach und ein Schneesturm die Insel Rügen von der Außenwelt komplett abschnitt.



Aber wie ihr seht, hat es meine Schwester und mich trotzdem nicht von Winterfreuden abgehalten...

Samstag, 29. Dezember 2018

Die Festung am Rhein


Im Vertrauen auf Gott und auf die Treue und den Mut meines Volkes habe ich die Rheinländer in Besitz genommen und mit der preußischen Krone vereinigt. Und so, Ihr Einwohner dieser Länder, trete ich jetzt mit Vertrauen unter Euch, gebe Euch Eurem deutschen Vaterlande wieder und nenne Euch Preußen! Kommt mir mit redlicher, treuer und beharrlicher Anhänglichkeit entgegen! Ihr werdet gerechten und milden Gesetzen gehorchen.“

Nicht alle Rheinländer fühlen sich durch diese Worte, mit denen König Friedrich Wilhelm III. von Preußen nach den Befreiungskriegen seine neuen Untertanen begrüßt, in Feierstimmung. 20 Jahre französische Besatzung und auch die französische Revolution haben ihre Spuren hinterlassen. Vor allem was die moderate französische Gesetzgebung betrifft, die sich deutlich vom konservativen Allgemeine Preußischen Landrecht unterscheidet.

Einer, der die Härte der nun geltenden Gesetze zu spüren bekommen soll, ist Christian, junger Soldat in der preußischen Armee. Als 1822 beim Bau der neuen Festung Ehrenbreitstein, die hoch über der Stadt Coblenz errichtet wird, Baupläne gestohlen werden, gerät er in Verdacht, diese militärisch wichtigen Unterlagen entwendet zu haben. Für die Preußen liegt der Fall klar auf der Hand: als Sohn eines französischen Offiziers kann nur Christian zum Verräter geworden sein und die Papiere dem Feind zugespielt haben.

Verzweifelt kämpft Christians Schwester Franziska darum, die Unschuld ihres Bruders zu beweisen und zu verhindern, dass ihn das Schicksal der Todesstrafe ereilt. Hierbei ist sie auf die Hilfe von Christians unmittelbaren Vorgesetzten angewiesen: Leutnant Rudolph Harten. Der strenge Offizier entpuppt sich zwar als äußerst misstrauisch, gleichwohl nicht unempfänglich für mögliche Ungereimtheiten. Und wider Erwarten blühen zwischen Franziska und Rudolph Gefühle auf, die keinesfalls von jedermann mit Gefallen betrachtet werden...


Maria W. Peter führt uns in „Die Festung am Rhein“ nach Coblenz, das inmitten des einst heiß umkämpften Rheinlandes nach den Befreiungskriegen nunmehr zu Preußen gehört. Die Autorin kleidet ihre Geschichte in ein historisches Gewand, das einerseits außerordentliche Sachkenntnis erkennen lässt, andererseits den Leser in seiner Fülle nicht überfordert. Sie schafft ein authentisches Bild von einer mit diversen Spannungen aufgeladenen, problematischen Zeit, in dem sich die angestammten Rheinländer und die Preußen – Soldaten und Zugezogene – nicht allesamt mit Wohlwollen gegenüberstehen, und beleuchtet mit viel Realitätsnähe die Verhaltensweisen, Handlungen, Unterschiede und Empfindungen der Menschen im gesellschaftlichen Wandel. Zudem ergänzt die Autorin den Roman durch ein umfangreiches Nachwort, ein ebensolches Glossar und diverses Kartenmaterial, welche eigene Recherchen überflüssig machen.

Allerdings lebt die Geschichte nicht allein von der Historie. Vielmehr finden sich in der Handlung jede Menge Geheimnisse und Verwicklungen, Spionage und Abenteuer, Freundschaft und Liebe, und Maria W. Peters erzählt in gewohnt ansprechender und lebendiger Sprachkunst mit viel Bildkraft, Atmosphäre und Empathie.

Die Autorin hat ihr Protagonisten mit Bedacht ausgewählt und sowohl die Haupt-, als auch die Nebenrollen mit Charakteren besetzt, die aufgeschlossen und unvoreingenommen, jedoch auch skeptisch oder gar feindselig sind, und somit das Geschehen komplettieren.

Nicht nur ihre beiden Helden Franziska und Rudolph sind von ihrer Herkunft und Vergangenheit beeinflusst und damit einigen Beschränkungen unterworfen. Es gelingt Maria W. Peter exzellent, die gegensätzlichen Ansichten der beiden darzustellen.

Franziska steht als Beispiel für die mit Beharrlichkeit zu Werke gehenden Rheinländer, gepaart mit einer von ihren Eltern vermittelten liberalen Grundeinstellung sowie einer einfühlsamen Erziehung. Die liebenswürdige junge Frau ist durchflutet vom französischen Freiheitsgedanken und betrachtet deshalb die Preußen als herrschsüchtige Tyrannen, die über ein rückschrittiges Volk gebieten. Dabei handelt sie das eine oder andere Mal unüberlegt und achtet nicht darauf, was sie sagt. Aber sie hält zu ihrem Bruder Christian und glaubt unerschütterlich daran, dass er die ihm vorgeworfenen Taten nicht begangen hat.

Rudolph ist eine ambivalente Persönlichkeit. Einerseits pedantisch korrekt und distanziert, andererseits besessen von seiner Arbeit und ausgestattet mit Visionen. Als Mann aus dem Volk, Sohn einer Wäscherin und eines Feldarbeiters, hat er sich auf einem schwierigen und anstrengenden Weg aus eigener Kraft und mit etwas Glück zum Offizier hochgearbeitet und eine Laufbahn eingeschlagen, die eine Generation zuvor lediglich dem Adel vorbehalten gewesen ist. Er demonstriert, dass er trotz seiner einfachen Herkunft über Fähigkeiten verfügt, die über das erwartete Maß hinausgehen. Und da es Neider und Vorgesetzte gibt, die in ihm immer noch einen Emporkömmling sehen, muss er sich jeden Tag aufs Neue beweisen, was Verständnis und Respekt abnötigt.

Vor allem aber ist seine Entwicklung im Verlauf der Ereignisse bemerkenswert. Rudolph verändert sich nicht plötzlich und beginnt nur langsam, den seinem Wesen inne liegenden Argwohn und Zweifel abzulegen sowie seine Geradlinigkeit, Klarheit und Ehrlichkeit zu offenbaren. Er weiß die Loyalität, die Franziska ihrem Bruder als Mitglied ihrer Familie entgegenbringt und die er selbst nicht kennengelernt hat, zu schätzen und zeigt seine hinter Härte und Disziplin verborgenen anderen Seiten: Verständnis und Güte.

Überhaupt ist es der Autorin hoch anzurechnen, dass sie mit Franziska und Rudolph ein Paar geschaffen hat, das sich trotz vorhandener Sympathie und aufkeimender tieferer Gefühle sehr bedächtig annähert und nicht vorurteilsfrei miteinander agiert. Sie reiben sich aneinander, schenken sich nichts und fallen immer wieder in ihre alten gegensätzlichen Ansichten zurück. Nach und nach erarbeiten sie sich das Verständnis füreinander und setzen sich für den anderen ein. Sie begreifen, wofür der andere (ein)steht und dass es sich lohnt, über den eigenen Schatten zu springen, sich von starren Vorurteilen zu lösen, die Wertungen und Meinungen anderer zu akzeptieren und gegebenenfalls zu hinterfragen, um sich so frei zu machen für einen anderen Blick auf die Welt. Davon könnte so mancher auch heute noch lernen...

Freitag, 28. Dezember 2018

Neues vom Pferdehof - Alte Dame in jungem Sand

In der kleinen Reithalle unseres Reiterhofes haben wir vor ein paar Wochen frischen Sand bekommen. Die Pferde mögen ihn, obwohl sie vergleichbar mit Strandsand tiefer einsinken und es durchaus anspruchsvoller ist, darin zu laufen. Aber er ist sehr fein, und wie ihr seht, genießt Resada ihr "Bad", und zwar jeden Freitag vor der "Arbeit". Erstaunlich, wie beweglich und motiviert die alte Dame immer noch ist.












P. S. Verzeiht die etwas düsteren Bilder, ich verzichte bei den Tieren gerne auf das Blitzlicht...

Donnerstag, 27. Dezember 2018

Ein Earl im Unterrock


Der Weihnachtsabend des Jahres 1900 naht, und die alte Lady Harriet ist betrübt. Es drücken sie der Kummer über den viel zu frühen Tod ihres Gatten und die Sorge um die Zukunft des Hauses Winfield. Nachdem ihr ältester Sohn William kinderlos und viel zu früh durch einen Reitunfall ums Leben gekommen ist, stehen Titel und Erbe dem geliebten Sohn Charles zu, der allerdings wegen eines bedauerlichen Familienstreits nicht nur das Haus, sondern auch das Land verlassen hat und inzwischen in New York lebt. Nun will sich Lady Harriets jüngster Sohn Edgar auf dem jährlichen Weihnachtsball zum neuen Earl erklären, obwohl er nach Meinung von Lady Harriet wegen seiner Überheblichkeit und Machtgier nicht nur eine Enttäuschung für die Eltern gewesen, sondern damit auch nicht geeignet für den Titel ist.

Charles begibt sich zwar mit seinem Sohn Louis auf die Reise nach England, aber wäre es nicht Unglück genug, stirbt er während der Überfahrt. Damit steht nun Louis der Titel zu. Edgar hat jedoch in weiser Voraussicht (und aus lauter Boshaftigkeit natürlich) in der Zwischenzeit alle Beweise für Louis' Anrechte auf das Erbe an sich gebracht und versteckt.

Unterstützt von seiner liebenden Großmutter bleibt Louis nichts anderes übrig, als kurzerhand in Frauenkleider zu schlüpfen, um als Gesellschafterin Edna unerkannt auf dem Landsitz nach eben jenen „verschwundenen“ Papiere zu suchen. Dabei tritt mehr als ein Problem auf: Louis verliebt sich in die hübsche zarte Charlotte, die eigentlich für Cousin George bestimmt ist. Dieser wird selbst in Unruhe versetzt: Er entbrennt seinerseits lichterloh in Zuneigung zu „Edna“.

Wird es noch ein Weihnachtswunder geben?


Viele Köche verderben den Brei, heißt es. Das mag vielleicht bei der Zubereitung von Speisen so sein. Wenn sich allerdings fünf Autorinnen in die Schreibküche begeben, kann sich das Ergebnis durchaus sehen lassen. Marie Caroline Bonnet, Katherine Collins, Ester D. Jones, Dolores Mey und Dorothea Stiller haben mit „Ein Earl im Unterrock“ eine kurzweilige Geschichte im klassischen englischen Stil gemeinsam zum Leben erweckt. In 24 Kapiteln und einem Epilog hat jede Autorin einer Figur die Stimme verliehen und im eigenen Stil geprägt, ohne die Gesamtheit der Adventskalender-Geschichte außer Kraft zu setzen. Vielmehr lässt sich das Gemeinschaftswerk mit Schwung lesen, unterhält auf ungezwungene und humorvolle Weise und verbreitet insgesamt ein entspanntes Gefühl.

Die Protagonisten sind mit wenigen, aber treffenden Eigenschaften charakterisiert und lassen eine zielsichere Verteilung von Sympathie und Antipathie zu. Dolores Mey hat Lady Harriet als gewitzte alte Dame kreiert, die den eigenen Sohn hinters Licht führt. Katherine Collins kann mit Edgar, dem so sehr nach dem Titel gelüstet, endlich ihrem Drang nach einem Fiesling nachgeben. Ester D. Jones ist beim Schreiben von Louis' Kapitel gar sehr in Verzückung geraten und deshalb möglicherweise auch ein wenig neidisch auf Charlotte, der Dorothea Stiller ein zauberhaftes Gesicht und einen feinen Charakter, aber kein Talent für die Handarbeit verpasst hat und die trotzdem das Herz von Louis erobert. Zu guter Letzt entspricht George aus der Feder von Marie Caroline Bonnet ihrer Neigung zu den Tollpatschen des Lebens, mit denen wir indes jederzeit gern mitfühlen.

Als Leser amüsieren die Verstrickungen und Verwicklungen. Und obwohl von Anfang an zu ahnen ist, wie das Ganze endet, ist bis zur wohlmeinenden Auflösung unbekümmertes Lesevergnügen mit ein, zwei Überraschungen garantiert.

Dienstag, 25. Dezember 2018

Frohe Weihnachten


Ihr Lieben,

ich wünsche euch
wunderbare und harmonische Feiertage
mit vielen Momenten zum Innehalten.







Donnerstag, 20. Dezember 2018

Bücherzeit im Dezember II

Weiter geht es mit einigen Eindrücken vom Bücherhotel, das mit seinen Haupt- und Nebengebäuden mitten im Grünen liegt (wenn es denn wieder so weit ist).


Aber auch so lohnt sich der Blick in die Natur...


... begleitet von brauchbaren Tipps.






Wer im Hotel keine passende Lektüre findet, kann sich in die Bücherscheune begeben. Er muss aber  Zeit mitbringen und Durchhaltevermögen beweisen, wenn er all die Regale und Kartons durchforsten will.








Ich meine, schlappe 500.000 Bücher müssen ja irgendwo gelagert werden.


Vielleicht gibt es demnächst einen Lesewagon. Wie ich erfahren habe, ist der ausrangierte Eisenbahnwagen die neueste Errungenschaft des Bücherhotels.

Sonntag, 16. Dezember 2018

Bücherzeit im Dezember I

In der letzten Woche war ich für knappe drei Tage im Gutshotel Groß Breesen (Nähe Güstrow) und habe eine intensive Lesezeit genossen.


Denn das Hotel ist auch bekannt als Bücherhotel, das erste seiner Art, das in Deutschland gegründet wurde.


Schon im Eingangsbereich finden sich jede Menge Bücher, die hier gelesen und auch getauscht werden können. Dabei ist allerdings etwas Geduld gefragt, denn sämtliche Büchersammlungen sind unsortiert.


Mir hat es nichts ausgemacht, alleiniger Gast zu sein...


... konnte ich doch ungestört und ohne zeitliches Limit frühstücken...


... und nebenbei lesen.


Im Gewölbe gibt es ein Restaurant, in dem mir an einem Abend ein wirklich schmackhaftes Drei-Gänge-Menü serviert wurde. Besonders die Lebkuchencreme hat mich überrascht, weil sie entgegen meiner Erwartung nicht zu süß war und ausgezeichnet mit dem Pflaumenkompott harmonierte.


Im Eingangsbereich zum Restaurant hingen ein paar amüsante Bilder und Schilder...


... von denen dieses hier zum Ende des ersten Teils meines Berichts hervorgehoben soll.



Fortsetzung folgt...

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Wer mag und Lust hat, eine paar geruhsame Tage zu verleben, findet hier alle Informationen.