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Sonntag, 10. April 2016

Ein Leben voller Möglichkeiten


Der dreiundzwanzigjährigen Harriet Heron schnürt es im nebligen giftigen Dunst des viktorianischen Londons im wahrsten Worte die Luft ab. Sie leidet an Asthma und rechnet jeden Tag damit, den nächsten nicht mehr zu erleben. Sie wird behütet und geschützt, ist gleichwohl aber auch gefangen in diesem Kokon der Fürsorge und getrennt von den Dingen, die eine junge Frau ihres Alters kennenlernen sollte. Lediglich ihre seit ihrer Kindheit bestehende Faszination für Ägypten, besonders ihre Leidenschaft für Hieroglyphen geben ihr Halt.

Da sie vor ihrem Tod das ägyptische Theben sehen möchte, kann sie erst ihren Arzt und dann ihre Mutter Louisa davon überzeugen, dass ihr das Klima in Ägypten besser bekommt. Mit auf die Reise geht als Dritte im Bunde der Damen die unverheiratete, gottesfürchtige (Tante) Yael, Louisas Schwägerin, nicht minder naiv in ihrem Glauben und ohne Kenntnis, was sie im unbekannten Land erwartet.

Schon auf dem Schiff begegnen sie unterschiedlichen Menschen: dem Ehepaar Cox, das seine Hochzeitsreise macht, dem Maler Eyre Soane, den eine längst begraben geglaubte Vergangenheit mit Louisa zu verbinden scheint, dem deutschen Professor Eberhardt Wolf, der einen Flügel nach Ägypten transportiert.

Endlich in Alexandria angekommen, kann Harriet angesichts der sauberen Luft zunächst aufatmen. Yael, die bislang ihren Vater gepflegt oder „gefallene“ Mädchen betreut hat, findet einen neuen Lebenssinn. Sie eröffnet eine Klinik, in der die Augen der ägyptischen Kinder behandelt werden.

Doch Louisa will zurück nach London, auch um Soane und den Erinnerungen und Geistern ihrer Jugend, die er weckt, auszuweichen. Als in Alexandria die Stürme beginnen, verschlechtert sich Harriets Gesundheitszustand. Erneut kann sie die Mutter überreden, Ägypten nicht zu verlassen, sondern vielmehr nach Luxor weiterzureisen. Yael hingegen will ihre Kinderklinik nicht aufgeben und bleibt in Alexandria zurück.

In Luxor begegnet Harriet dem mit Ausgrabungen beschäftigten Eberhardt Wolf wieder und entdeckt in dem Ägyptologen eine verwandte Seele, nachdem dieser begreift, dass Harriets Interesse echt und nicht bloß das einer Touristin ist. Sie fertigt Kopien der von ihm ausgegrabenen Hieroglyphen an und hilft, deren Bedeutung zu entschlüsseln. Auch Soane taucht in Luxor wieder auf und interessiert sich für Harriet.

Unterdessen wächst angesichts der sozialen Verhältnisse im Land die Unruhe in der Bevölkerung, so dass eine Rückkehr nach England zunehmend unmöglich wird...

The Street and Mosque of the Ghoreeyah, Cairo by John Frederick Lewis

Wendy Wallace überrascht mit einer lebendigen, atmosphärisch dichten Geschichte, die von einer intensiven und sorgfältigen Beschäftigung mit dem historischen Hintergrund zeugt. Sie vermag es, dem Leser die herbe, gleichwohl mystische Schönheit Ägyptens in üppigen Farben, die von Wind und Sand erfüllte Luft und die starke Hitze zu vermitteln. Während das neblige London die dunkle Seite darstellt, scheint Ägypten hell und voller Licht zu sein. Doch diese Schönheit täuscht.

Denn Ägypten ist im 19. Jahrhundert eine brutal unterdrückte Nation unter osmanischer Herrschaft, ein Land, das sich am Rande der Revolte befindet, es entwickelt sich eine wachsende nationalistische Bewegung wider die horrenden Steuern, die Sklavenarbeit und Unterdrückung, im Grunde entsteht hier der erste „arabischen Frühling“.

In dieser Zeit gehen die drei Frauen, ohne es zu ahnen, auf eine Reise, die eine jede von ihnen verändert. Zunächst tragen sie das starre Korsett ihrer Herkunft und sind geprägt vom Anstand und der Moral ihrer Zeit. Eindrucksvoll schildert die Autorin, wie sie sich von den Zwängen befreien, die die viktorianischen Gesellschaft vor allem den Frauen auferlegt.

Alle Figuren wirken echt und aus dem Leben gegriffen. Ihre Gedanken, Gefühle und Motivation sind nachvollziehbar durch Handlungen und Aussagen dargestellt. Dabei ist der Erzählstil der Autorin sehr ausgewogen und nie übertrieben, klar und sensibel und durchaus poetisch.

"Der Himmel war gigantisch. Eine silbrige Riesenschale über ihrem Kopf, an deren Rändern sich perlmuttfarbene Wolkenfinger bis an den Horizont zogen. Um sie herum glitzerte und wogte das Meer. Es wirkte gewaltig. Rein und lebendig." (Seite 50)

Die drei im Mittelpunkt stehenden weiblichen Protagonisten Harriet, Lousia und Yael sind von ungleichem Charakter, und so reagieren sie auch völlig unterschiedlich auf das für sie fremde exotische Land.

Yael und Louisa haben nichts gemein. Während Louisa von dunkler Aufsehen erregender Schönheit ist, die noch immer jedem ins Aug fällt, allerdings weder Zeit für Wohltätigkeitsarbeiten noch für Bibelstudien hat, legt Yael weder auf ihr äußeres Erscheinungsbild größeren Wert noch ist sie an der Welt des Spirituellen interessiert. Hingegen Louisa lässt sich von Stimmen ihrer bereits verstorbenen Mutter leiten, misst diesen große Bedeutung zu. Außerdem ist nicht nur in ihrem Wunsch, ihre Tochter zu schützen, gefangen, sondern auch in der eigenen Vergangenheit und der Pflicht, den guten Ruf zu wahren. Aber sie verändert sich, und dies geschieht in einer für den Leser greifbaren Art und Weise.

Gleiches gilt für Yael. Allerdings ist sie, die die meisten Vorbehalte gegen die Reise hat, es, die letzten Endes über sich hinauswächst, als sie der Armut und Unterdrückung der ägyptischen Bevölkerung begegnet. Sie handelt, entdeckt ihre eigenen, beträchtlichen Fähigkeiten und emanzipiert sich, breitet die Flügel aus, bekommt Ausstrahlung und Souveränität und lebt eine Toleranz im Glauben, die bewundernswert ist.

Nachvollziehbar wird auch der Wandel von Harriet geschildert. Anfangs ist sie in London eine sterbenskranke, schwache junge Frau. In Ägypten lernt sie mit der Zeit das Atmen, gewinnt Kraft, Zuversicht und Unabhängigkeit. Dabei ist die Entwicklung langsam, kommt nicht als Wunder einer plötzlichen Heilung daher und weist zudem Rückschläge auf.

Harriet und damit auch dem Leser wird bewusst, dass die Welt ungeheuer schön und voller Möglichkeiten und Abenteuer sein kann. Dass sich die Leben der Menschen nicht nur in ihrer Länge unterscheiden, sondern vor allem in ihrer Intensität, im ungleichen Grad an Schönheit, Freude und Genuss. Dass es wichtig ist, sich nicht einfach nur ein langes Leben zu wünschen, sondern eines, das Belang hat, ein Leben (und eines Tages auch einen Tod) nach eigenen Vorstellungen...

Dienstag, 25. November 2014

Rückblick Teil 3


Bei einer Tour nach Paris darf natürlich dieses Wahrzeichen nicht fehlen.


Der Eiffelturm.


Paris von oben sieht einfach großartig aus, wenn man solch eine Aussicht hat.


In der Ferne seht ihr die Basilika Sacré-Cœur de Montmartre, die römisch-katholische Wahlfahrtskirche, die 24 Stunden täglich geöffnet ist.


Gerne dürft ihr auch auf sie einen näheren Blick werfen.


Um zu ihr zu gelangen, sind ein paar Treppen hinauf zu erklimmen.


Zu guter Letzt folgt als letzter Höhepunkt der Reise ein Besuch des Louvre.


Bekanntlich ist der ehemalige Königspalast im Zentrum von Paris eines der größten Museen der Welt.


Für einen Besuch muss man ein wenig mehr Zeit einplanen. Wir waren dort über fünf Stunden und haben im Grunde in jeden geöffneten Saal einen Blick hineingeworfen.


Na klar haben wir uns auch zu ihr "durchgekämpft".


Ihn zu betrachten, ist wesentlich leichter. Wisst ihr, wer sich hier 1493 selbst gemalt hat?


Diese riesige Skulptur finden der Große und ich immer noch kolossal.


Und sind die drei Grazien nicht wunderschön?


Ein Blick nach oben an die Decken lohnt sich immer, denn auch dort gibt es viel zu sehen.


Solch ein Schrank macht schon was her.


Und ein paar mondäne Sitzgelegenheit sind ebenfalls "im Angebot".


Nach diesen ganzen Eindrücken mussten wir dringend verschnaufen...


... was am großen Springbrunnen beim Louvre wirklich hervorragend gelingt.


Und damit beende ich unsere Reise nach Paris und hoffe, ihr hattet Freude daran, uns zu begleiten. Wer Teil 1 und Teil 2 verpasst hat, kommt mit einem Klick direkt zum entsprechenden Post.

Montag, 4. März 2013

Eine große Liebe

"ER LÄSST MICH MALEN - als Braut.
Ich trage ein hochgeschlossenes Hemd aus cremeweißer Seide mit einem Stehkragen, der weich mein Kinn umschmeichelt. Darüber fällt ein helles Kleid, ebenfalls au Seide, das breite bestickte Besätze zieren. Weder Haube, noch Netz oder Barett bedecken mein Haar. Ein goldener Blütenreif aus Tante Kats unerschöpflichen Beständen hält es aus der Stirn, festlich und reich.
Ohrhänger mit schimmernden weißen Perlen schmücken mich, eine lange goldene Kordelkette, ein goldener Gürtel mit schwerem Gehänge - aber kein Ring.
Meine Linke, die mit der Kette spielt, ist bloß...
Weil es so kalt ist, obwohl die Öfen wummern, hat der Maler mir einen schweren schwarzen Mantel mit gebauschten Ärmeln umgelegt, aus dem das helle Kleid hervorblitzt.
Ich lächle nicht, das habe ich mir vorgenommen, Ernst will ich dreinschauen, würdevoll, in mir ruhend."


Die Kaufmannstochter Philippine Welser ist 30 Jahre alt, als sie heiratet. Das ist für das 16. Jahrhundert ziemlich spät. Dazu kommt, dass ihr Ehemann nicht irgendwer ist, sondern Ferdinand, der (Lieblings)Sohn des Kaisers des Heiligen Römischen Reiches Ferdinand I. und damit aus dem Hochadel stammt. Zwischen beiden ist es jedoch die große Liebe, und sie wird bis zum Tode von Philippine halten. Wegen der bürgerlichen Herkunft der jungen Frau muss die Ehe bis zu ihrer öffentlichen Aberkennung allerdings viele Jahre geheim gehalten werden. Die geborenen Kinder werden als  sogenannte Schwellenkinder zunächst "ausgesetzt" und dann an Kindes Statt angenommen...

Wieder ein Buch von Brigitte Riebe über eine starke Frau. Eine, die tatsächlich gelebt hat und die würdig ist, "Heldin" eines Romans zu sein.


Denn die Autorin erzählt keine Biografie, obschon ja die meisten Personen der geschilderten Ereignisse historisch belegt sind. Dabei zieht sich wie ein roter Faden der Versuch, Philippine mittels Gift zu ermorden,  durch den Roman, weswegen er wohl als historischer Kriminalroman erschienen ist. Das Buch ist in meinen Augen jetzt nicht unbedingt der klassische Krimi, jedoch kann die Autorin Spannung aufbauen und diese bis zum Ende gut halten. 

Insgesamt überwiegen die traurigen Ereignisse im Leben der schönen Philippine. Die wenigen Momente des Glücks mit dem geliebten Mann und den Kindern, sind rar und werden im Folgenden oft von bestürzenden Geschehen aufgehoben. Philippine ist sehr mitfühlend und leidet deshalb besonders unter ihren Ängsten. Neben der eigentlichen Handlung lässt Brigitte Riebe Philippine in einem fiktiven Tagebuch zu Wort kommen und schafft damit eine Nähe zur Gefühlswelt der Protagonistin, die einem sehr nahe geht. Die Eintragungen in ihr Tagebuch sind starke emotionale Einblicke in ihre Seele, die ich gut mitempfinden konnte. Beispielsweise, wenn Philippine ihren neugeborenen Sohn gleich nach der Geburt für ein paar Stunden hergeben und im Anschluss "finden" muss. Sie zieht ihn dann zwar auf, darf aber - um den Schein, es handele sich um ein Findelkind zu wahren - nicht selbst stillen. In dieser Situation tat mir die junge Frau besonders leid. Denn was nützt die große Liebe, wenn man sie nicht auch freudigen Herzens als Paar und Familie leben kann.


Als besonders gelungen empfinde ich die Gestaltung des Buches. Jedes Kapitel ist mit einer Heilpflanze bezeichnet, die sich im folgenden Text wiederfindet, und beginnt mit einem Bild und der Beschreibung der positiven und negativen Wirkungen. Der Geschichte nach soll Philippine Welser Heilkräuter gesammelt und ein Arzneibuch verfasst bzw. ergänzt (sofern man davon ausgeht, dass Philippines Mutter - Anna Welser - die Grundlagen für die Kenntnisse ihrer Tochter gelegt hat) haben. Auf jeden Fall ist überliefert, dass sie sich  mit ihrer Heilkunst stark für die arme Bevölkerung eingesetzt hat.

Wenn ihr Geschichte und Fiktion gut verpackt lesen wollt, seid ihr mit "Der schönen Philippine Welserin" richtig beraten. Ich danke neben der Autorin auch vorablesen.de, das ich ein gelungenes Buch in mein Bücherregal stellen darf.

Donnerstag, 13. Januar 2011

"Der Kaiser ist ja nackt!"

Auch jenes Kind sprach "ungefragt",
wie mancher, der die Wahrheit sagt;
doch Leisetreter kriechen leider
in jedes Kaisers "neue Kleider".

Mascha Kaléko

Edmund Dulac

Mittwoch, 27. Oktober 2010

Das kleine Buch

Ich sage es immer wieder gerne: Bücher sind eine meiner Leidenschaften. Da durchforsche ich öfter einmal Internetantiquariate nach besonderen Ausgaben.

Letztens habe ich die "Europäischen Frauenbildnisse" (aus der Reihe "Das kleine Buch") entdeckt.

Und schon beim Aufschlagen war meine Freude groß, eines meiner Lieblingsbilder zu entdecken:

Jan Vermeer van Delft
Das Mädchen mit dem Perlenohrgehänge

Es ist eine uralte Vorstellung, daß ein Bildnis ein Zauberding sei, ein magischer Gegenstand, mit dessen Hilfe man einen Abgeschiedenen oder auch nur Abwesenden beschwören kann... Der Vergänglichkeit zum Trotz will das Bildnis das Äußere des Menschen erhalten und retten, für die Zeit, wenn von ihm nichts mehr vorhanden sein wird. So entstehen Bildungen von denkmalhafter Kraft, die feierlich die Gesamtsumme einer Persönlichkeit ziehen, befreit von allem Zufälligen." (Aus dem Geleitwort: Europäische Frauenbildnisse aus fünf Jahrhunderten, herausgegeben von Gerhard Ulrich)

Das Büchlein hat mich motiviert, endlich wieder meinen Kunstblog aufzufrischen. Wer mag, kann dort ein wenig mehr über einige Bildnisse und ihre Maler erfahren.

Donnerstag, 5. November 2009

Heimat Teil 4: Ostseebad Ahrenshoop - Nachtrag

So hat Paul Müller-Kaempff, einer der Gründer der Ahrenshooper Künstlerkolonie, den Ort und seine Umgebung vor über hundert Jahren gesehen. Hier werde ich demnächst etwas über den Maler erzählen und noch mehr seiner wunderschönen Bilder aus unserer Region um Ostsee und Bodden zeigen.

Einsamer Wanderer auf dem Weg nach Ahrenshoop

Frühsommerliche Dorfstimmung in Althagen

Ahrenshooper Hof mit Ziehbrunnen am Wiesenweg