Kennt ihr das französische Dorf
Oradour-sur-Glane? Wenn nicht, dann geht es euch wie Edda in dem Roman von
Beate Rösler „Eddas Aufbruch“. Aber seid euch gewiss, viele Menschen in
Deutschland werden auf die Frage sicher ebenso mit Nein antworten. In Frankreich
hingegen weiß wahrscheinlich jeder, um was für einen Ort es sich handelt.
Am 10. Juni 1944 verübten hier
Soldaten der Waffen-SS ein unbegreifliches Massaker an der unbewaffneten
Zivilbevölkerung, ein grausamer Höhepunkt der Terror- und
Einschüchterungspolitik der deutschen Besatzer. Bei diesem zahlenmäßig größten Massaker der Deutschen in Westeuropa während des
Zweiten Weltkrieges wurden 642 Dorfbewohner ermordet, unter ihnen 245 Frauen
und 207 Kinder. Der von den Nationalsozialisten als
"Vergeltungsaktion" bezeichneter Massenmord war eine Reaktion auf den
gegen die deutsche Besatzung gerichteten wachsenden französischen Widerstand.
Wie kam es dazu?
Nachdem am 6. Juni 1944 die
alliierte Streitkräfte in der Normandie landeten, wurde in Südwestfrankreich
stationierte 2. SS-Panzer-Division "Das Reich" nach Norden verlegt.
Bereits auf ihrem Weg zur Front begingen die SS-Soldaten mehrere Kriegsverbrechen
gegen die Zivilbevölkerung.
Als die SS-Division am 10. Juni
1944 den Ort Oradour-sur-Glane erreichte, ließ der verantwortliche Offizier
Adolf Diekmann die Bewohner auf dem Marktplatz zusammentreiben. Zunächst wurden
die Männer von den Frauen und Kindern getrennt, in fünf Gruppen unterteilt und
in Scheunen und Garagen eingesperrt. Danach eröffneten SS-Angehörige das Feuer
auf die wehrlosen Menschen und setzten im Anschluss die Exekutionsstätten in
Brand. Fünf Männer überlebten und berichteten später, dass einige Opfer bei
lebendigem Leib verbrannten.
Frauen und Kinder wurden hingegen
in die Dorfkirche getrieben. Nachdem die Soldaten eine Rauchbombe am Altar
zündeten, versuchten die Eingeschlossenen, sich in dem entstehenden Chaos vor
dem beißenden Qualm und tödlichem Gas in Sicherheit zu bringen und wurden
erschossen. Auch das Kirchengebäude wurde dann in Brand gesteckt.
Als einzige Überlebende
konnte Marguerite Rouffanche das erbarmungslose Geschehen schildern. Sie hatte
zusammen mit ihren beiden Töchtern, ihrem Enkel und mehr als 400 anderen Frauen
und Kindern im Gotteshaus ausharren müssen, sah den Tod ihrer Töchter mit an
und rettete sich mit einem Sprung aus dem Kirchenfenster.
Im Anschluss plünderten die
SS-Soldaten die Wohnhäuser und legten Feuer im gesamten Dorf. Sie begnügten
sich nicht damit, unschuldige Menschen zu ermorden, sondern verbrannten und
verstümmelten die Leichen, so dass ihnen die Identität geraubt wurde. Letztlich
konnten nur 52 Opfer identifiziert werden.
Das
gesamte Massaker überlebten nur etwa 40 Einwohner von Oradour auf
unterschiedlichste Art und Weise.
Die
Ruinen des alten Dorfes wurden nach dem Krieg als Mahnmal erhalten und zum
historischen Monument ernannt. Hier sehen sich die Besucher den Opfern dieser
unvorstellbaren Barbarei gegenüber. Gedenktafeln mit den Gesichtern, Namen und
Altersangaben zeugen davon, dass in Oradour Säuglinge, Kinder, Jugendliche,
Erwachsene, Greise hingeschlachtet und ganze Familien ausgelöscht wurden.
Betroffen
macht, dass zahlreiche Kinder, die aus den zur Gemeinde gehörenden 53 Weilern
in der Schule in Oradour waren, zu den Getöteten gehörten, wodurch die
Weiler zu den „Dörfern ohne Kinder“ wurden.
Ein
neuer Ort wurde in den 1950er-Jahren in direkter Nähe aufgebaut.
Bedauerlich
ist, dass kaum ein Beteiligter am Massaker juristisch zur Verantwortung gezogen
worden ist.
Lediglich
bei einem größeren Prozess vor einem Militärgericht in Bordeaux wurden 1953 21
SS-Angehörige – sieben aus Deutschland und 14 aus dem Elsass – zu langjährigen
Haftstrafen beziehungsweise zum Tode verurteilt. Da es sich bei den Soldaten
aus dem Elsass um zwangsrekrutierte junge Männer handelte, wurden die
elsässischen Täter von der französischen Nationalversammlung amnestiert. Bis
1959 wurden auch die deutschen Täter aus der französische Haft entlassen. In
der DDR wurde 1983 ein Beteiligter am Massaker vor Gericht gestellt und zu
lebenslanger Haft verurteilt. Er kam 1997 wegen seines schlechten
Gesundheitszustandes frei. Die Eröffnung der letzten Anklage wurde 2014 mangels
schlüssiger Beweismittel nicht eröffnet.
So
bleibt nur die Erinnerung am Ort des Geschehens, wenn sich am 10. Juni 2024 das
Massaker von Oradour-sur-Glane zum 80. Mal jährt.
1968
– Eine junge Frau durchbricht die Mauer des Schweigens
Um
der Enge ihres autoritären Elternhauses zu entkommen, geht die 19-jährige Edda
als Au-pair nach Paris. In einer politisch aufgeheizten Zeit verliebt sie sich
in den Studenten Marcel, der neue Fragen in ihr weckt: Auf welcher Seite
standen ihre Eltern in den Jahren des Nationalsozialismus? Zurück in Frankfurt
am Main konfrontiert sie ihren Vater, doch dieser hüllt sich in Schweigen. Erst
als Edda alte Feldpost im Schlafzimmer ihrer Mutter entdeckt, kommt sie den
Ereignissen der Vergangenheit auf die Spur. Was sie herausfindet, stellt nicht
nur ihre Beziehung zu Marcel auf die Probe. Edda muss sich zudem entscheiden,
wie weit sie für Gerechtigkeit gehen will … (Quelle: Verlag)
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