Es
ist das Jahr 1922, und Doberan darf sich seit 1921 Bad nennen. Das
Hotel Palais Heiligendamm erstrahlt im neuen Glanz, auch wenn der
Ansturm der Gäste wenige Jahre nach dem ersten Weltkrieg ausbleibt, weil die Menschen sich wegen der anhaltenden
Lebensmittelknappheit, der blitzartigen Geldentwertung und der Wirtschaftskrise noch nicht für die luxuriöse Sommerfrische am Meer
begeistern können.

Elisabeth
Kuhlmann ist als Hoteldirektorin ganz in ihrem Element, jedoch sind
die Konflikte zwischen ihr und Julius Falkenhayn, ihrer großen Liebe, nicht gelöst, ihr Verhältnis nach wie vor angespannt. Dazu trägt
ebenfalls bei, dass Elisabeth dem Missverständnis unterliegt, Julius
würde ihr die gemeinsame Tochter entziehen. Tatsächlich ist Julius
darauf bedacht, dass der Kontakt zu Elisabeth nicht abreißt, aber
Julia hängt einfach sehr an ihrer Ziehmutter Minna. Das einstige
Stubenmädchen, das Julia zwei Jahre aufgezogen hat, arbeitet
inzwischen als Köchin im Hotel und scheint mit Albert, den sie bei
einem Besuch der Familie in München kennengelernt hat, den Mann fürs
Leben gefunden zu haben. Allein dessen politische Einstellung geht ihr
gegen den Strich. Albert ist nämlich überzeugter Kommunist und schreckt
ohne Rücksichtnahme auf sich selbst auch vor der
Gewaltanwendung gegenüber Andersdenkenden nicht zurück.
Von ähnlichem Kaliber, obwohl aus einem anderen politischen Lager, sind die erstarkenden Nationalsozialisten, denen sich Elisabeths
Bruder Paul zuwendet, als er sich in den charismatischen Carl von
Herrhausen verliebt, der eine Karriere in der NSDAP anstrebt.
Gefangen in der reizlosen, mehr und mehr belastenden Ehe mit Helene,
in der diese drei Kinder geboren hat,
machen ihm seine Gefühlen für das männliche Geschlecht nach wie vor zu
schaffen. Denn Homosexualität ist unter Strafe gestellt. An
Carls Seite findet er endlich Erfüllung, und so ist die gemeinsam
verbrachte Zeit in Berlin wegen der Anonymität der Großstadt im
Vergleich zum biederen Mecklenburg eine unbeschwerte, und Carls
Gesinnung spielt zunächst keine wesentliche Rolle. Selbst den
aufkommende Judenhass ignoriert Paul.
Außerdem
verschweigt er seinem Geliebten, dass seine Schwester Johanna nicht
nur mit dem jüdischen Arzt Samuel verheiratet ist, sondern außerdem
den Glauben ihres Ehemannes angenommen hat. Er kann (und will) sich
dem Einfluss des ehrgeizigen, kühl berechnenden und rücksichtslosem
Carl nicht entziehen, so dass seine Ansicht und Besessenheit
folgerichtig zum Bruch zwischen den Geschwistern führt.
Luise
hingegen, Pauls jüngste Schwester, sieht in einer Scheinehe mit
Carl, die von dessen Homosexualität ablenken soll, die Chance, ihrem
Aufstieg als Filmschauspielerin neuen Schub zu verleihen. Doch Carl
erweist sich nicht als der Gönner, als der er sich suggeriert hat,
und Luise wird erneut mit einer Enttäuschung konfrontiert.
Als
die Nationalsozialisten endgültig ihre Führungsposition erlangen, müssen nicht
nur Elisabeth, Paul, Luise und Minna sowie ihre Familien vor Farbe
bekennen ...

„Palais
Heiligendamm. Stürmische Zeiten“ besticht durch die prägnante
Erzählkunst seiner Autorin. Einmal mit der Lektüre begonnen, ist es
fast unmöglich, damit aufzuhören, so sehr fesselt dieser Zeitraum
deutscher Geschichte von 1922 bis 1933 im Verbund mit dem Schicksal
der Charaktere, die einem aus dem ersten Band vertraut sind und die
erstmals auftreten. Michaela Grünig schildert in ihrem historischen
Roman die von ihr exzellent recherchierten Ereignisse mit nuancierter
Dramatik und ausdrucksstarker Lebendigkeit. Im Verlauf nehmen die
verhängnisvolle Düsternis und teilweise Hilflosigkeit zu wie sich
Machtbesessenheit und Rücksichtslosigkeit erhöhen.
Die
Autorin vermittelt ein überzeugendes Bild der handelnden Personen.
Sie weiß deren Höhen und Tiefen mit viel Empathie auszuloten und
fördert nicht ausschließlich die guten Seiten zutage. Daneben vermag es
Michaela Grünig meisterhaft, Emotionen wie Unbehagen, Abscheu,
Besorgnis, Unverständnis und Bedauern einerseits, Freude, Mitgefühl,
Hoffnung, Vertrauen und Zuneigung andererseits hervorzurufen.
Michaela
Grünig überlässt uns als Leser eine Wertung, wenn sie Umstände
und Entwicklungen dank ihrer intensiven Beschreibung offenkundig
macht. Da gibt es diejenigen Menschen, die die politische Entwicklung
begrüßen und Anhänger von Nationalsozialismus mit der ansteigenden
Verachtung und dem fanatischen Antisemitismus werden. Jene, die das
Gedankengut kohärent ablehnen. Wiederum solche, die drohende Gefahr
und deren Auswirkungen falsch einschätzen oder die Augen davor
verschließen. Die Gründe hierfür sind unterschiedlich. Aber
Michaela Grünig demonstriert glaubhaft, dass das Herrschaftsgehabe zur
Einschüchterung führt und oft wirtschaftliche Aspekte ursächlich
für ein Arrangement mit der nationalsozialistischen Partei sein
können.
Das
„Palais Heiligendamm“ hat „Stürmische Zeiten“ erlebt, und
wir verlassen das Hotel in der Gewissheit, dass vor den Figuren „Tage
der Entscheidung“ stehen werden.