Ich grüße dich, Christine, und freue mich,
dass du anlässlich des Erscheinens deines neuen Buches "Die
Birken der Freiheit" Zeit für ein Interview gefunden hast.
Danke!
Und ich bin gespannt auf Deine Fragen
Zum zweiten Mal nimmst du uns nach Estland, wie wir es heute kennen.
Was macht für dich die Faszination dieser baltischen Republik aus?
In
den „Birken der Freiheit“ ist es – zumindest was die politische
und gesellschaftliche Ordnung angeht – noch nicht das Estland, wie
wir es heute kennen. Ich entführe die Leser ja in die Vergangenheit
und lasse sie teilhaben an historischen Entwicklungen und
Wendepunkten, die Voraussetzungen dafür waren, dass diese baltische
Republik heute unabhängig ist und selbstbewusst ihre Traditionen,
Kultur und Besonderheiten hochhält.
Dabei
finde ich – insbesondere beim Strang, der 1914 einsetzt – die
enge Verflechtung mit der deutschen Geschichte faszinierend. Vor
allem aber hat es mich tief beeindruckt, wie unerschrocken dieses
Volk sich immer wieder gegen übermächtige Gegner zur Wehr gesetzt
hat und sich auch in finsteren Zeiten der Unterdrückung seine
Identität nicht hat nehmen lassen.
Da Estland zu 50 Prozent bewaldet und der häufigste Laubbaum in den
dortigen Wäldern die Birke ist, finde ich den Titel (erneut) passend
gewählt. War es deine Idee, diesem Baum, der nicht nur viel
besungenes Motiv vieler Lieder und Volksdichtungen und ein nationales
Symbol des Landes ist, so ein kleines "Denkmal" zu widmen?
Ja,
dass Birken eine Rolle spielen, war mir wichtig. Nicht zuletzt, weil
ich diese Bäume liebe. Sie sind anmutig und zugleich zäh und
widerstandsfähig.
Du schreibst mit enormer Detailverliebtheit, so dass es
hervorragend möglich ist, sich in die Gegebenheiten vor Ort
hineinzuversetzen. Stell dir vor, wir würden dieses wunderschöne
Fleckchen Erde gemeinsam erkunden, welche Route würden wir nehmen?
Da
Estland kein sehr großes Land ist, könnten wir in relativ
überschaubarer Zeit eine schöne Rundreise machen und dabei einen
umfassenden Eindruck der abwechslungsreichen Landschaft sowie der
kulturellen Highlights und Baudenkmäler gewinnen.
Als
Ausgangspunkt würde ich die Hauptstadt Tallinn wählen. Nach der
Besichtigung der Stadt und einem Ausflug nach Kadriorg (Schloss
Katharinental) und vielleicht noch nach Keila-Joa (Schloss Fall) mit
seinen Wasserfällen, würden wir per Schiff zu den Inseln schippern
(auf jeden Fall natürlich nach Hiiumaa (Dagö), wo ich den Birkenhof
verortet habe). Anschließend würden wir auf dem Festland vom Seebad
Pärnu aus eine große Runde drehen: über das im hügeligen Süden
gelegene Otepää hinauf zur Universitätsstadt Tartu (Dorpat) und
nach Osten zum Peipussee an der russischen Grenze und weiter gen
Norden durch einsame Wälder und Moorlandschaften nach Narwa. Von
dort würden wir an der Ostseeküste entlang zurück nach Tallinn
fahren, vielleicht mit Abstechern nach Rakvere (Wesenberg) sowie zu
einigen alten Gutshöfen und mindestens einem der Naturschutzgebiete.
Deine Romane sind stets auf zwei Zeitebenen angesiedelt. Dieses Mal
begeben wir uns in die Jahre 1914 und 1989. Welches Jahr hast du bei
der Recherche als intensiver für dich empfunden?
Emotional
hat mich das Eintauchen in die späten 1980er Jahre mehr berührt,
die ja auch für uns Deutsche (Stichwort Fall der Mauer) einen
bedeutsamen Wandel brachten. Bei der Recherche bin ich oft über
eigene Erinnerungen „gestolpert“ und tief in „meine“ Zeit
damals abgetaucht.
Aber
auch die Zeit vor und im 1. Weltkrieg fand ich spannend, vor allem
die Geschehnisse im Osten, die ich zuvor nicht so auf dem Schirm
hatte. Da habe ich viele interessante Zeitzeugenberichte gelesen, die
mich sehr berührt haben.
Die Handlungsstränge und Personenführung bedürfen sicher eines
klaren Konzepts. Wie gelingt es dir, dies einzuhalten? Gab es im
Verlauf des Schaffungsprozesses von "Die Birken der Freiheit"
Abweichungen?
Ja.
Kleinere Änderungen sind eigentlich immer dabei und bei so komplexen
und umfangreichen Manuskripten (zumindest bei mir) nicht zu
vermeiden. Es kommt aber auch zu größeren Abweichungen, dieses Mal
konkret bei Merikes Geschichte. Da hatte ich nämlich die kleine Enna
und ihren Bruder Tarmo und auch die Punkerin Lenja im Konzept gar
nicht vorgesehen, die tauchten „einfach“ auf und wollten
mitspielen.
Außerdem hatte ich ursprünglich vor, die Jahre des
Freiheitskampfes nach dem 1. Weltkrieg noch mehr zu thematisieren, das
hätte dann aber doch den Rahmen gesprengt.
Wie wichtig ist dir die Gestaltung und Entwicklung deiner Figuren?
Gibt es eine, die du im Roman besonders ins Herz geschlossen hast?
Mit
den Figuren – allen voran natürlich den Protagonistinnen – steht
und fällt für mich die Handlung, weil ich diese ja vor allem aus
deren Perspektive verfolge. Beiden, also Merike und Luise, bin ich
dabei sehr nahegekommen und kann nicht sagen, welche ich lieber habe.
Bei den Nebenfiguren war es bei diesem Buch vor allem die
kleine Enna, die mir besonders ans Herz gewachsen ist.
In der Geschichte tauchen einige estnische Gerichte bei den
Mahlzeiten auf. Mir ist das Brot sepik in Erinnerung geblieben. Hast du
vielleicht das ein oder andere Rezept selbst ausprobiert, um ein
persönliches Geschmackserlebnis zu haben, damit du es uns
besser vermitteln kannst?
Ich
habe kama ausprobiert, das sich in Estland beim Frühstück
oder auch bei Desserts als wichtige Zutat großer
Beliebtheit erfreut. Es ist ein Gemisch aus geröstetem
Gersten-, Roggen-, Hafer- und Erbsenmehl, das z.B. mit Dickmilch,
Quark verrührt oder als Creme mit Beeren gereicht
wird.
Und
estnische Milchkekse habe ich gebacken, die sind auch köstlich!
Als Pferdeliebhaberin freut es mich immer, wenn Pferde - wenn auch -
kleine Rollen in Geschichten spielen. Wie ist deine Beziehung zu
diesen wunderschönen Tieren, und dürfen wir im (hoffentlich)
nächsten Buch ein wenig mehr über die Toris und ihre Freunde
erfahren?
Pferde
habe ich schon als Kind sehr geliebt und mir nichts sehnlicher
gewünscht, als ein eigenes zu besitzen. Dieser Traum hat sich leider
nie erfüllt, aber die Faszination ist geblieben.
Ich hätte
gern ein drittes Buch geschrieben, in dem der Birkenhof und die
Tori-Zucht eine größere Rolle spielen sollten. Der
Verlag fand das zwar grundsätzlich interessant, hat jedoch andere
Pläne; dort ist man nämlich der Ansicht, dass Estland den Lesern
wohl zu unbekannt ist und nicht "zugkräftig" genug. Ich
finde das sehr schade, denn ich hätte da noch einige interessante
Ideen gehabt …
Das ist wirklich schade. Ich finde, dass es wichtig ist, den auch weniger bekannte Länder in den Mittelpunkt von Geschichten zu stellen.
Zu guter Letzt würde ich gern noch Folgendes wissen: Jeder kennt sie, die Tage, an denen nichts
läuft. Gerade in dieser angespannten Zeit ... Wie motivierst du
dich, wenn dich die Schreibunlust überfällt?
Von Schreibunlust würde ich weniger
sprechen. Ich habe an Tagen, an denen „nichts geht“, eher das
Gefühl, festzustecken. Manchmal hilft schon ein Spaziergang, um
wieder klarer zu sehen und weiterschreiben zu können. In anderen
Situationen bringt mich weitere Recherche auf die zündende Idee, die
zuvor gefehlt hatte. Und manchmal brauche ich einfach eine kleine
Auszeit, um Abstand zu gewinnen.
Aber natürlich lassen mich
äußere Ereignisse wie jetzt der Krieg in der Ukraine und andere
beunruhigende und bedrohliche Verwerfungen nicht kalt. Da fällt es
mir dann schon zuweilen sehr schwer, das auszublenden und
konzentriert zu arbeiten. Ich vermute jedoch, dass das derzeit leider
vielen von uns so geht.
Da stimme ich dir auf jeden Fall zu und danke dir dafür, dass du dir Zeit für die Beantwortung meiner Fragen genommen hast.
Oldenburg, 1914: Luise reist nach Estland, wo die adelige Wilhelmine einen jungen deutschbaltischen Baron heiraten soll. Nicht wissend, dass es sich um den Zukünftigen ihrer Herrin handelt, trifft Luise auf Julius und verliebt sich in ihn. Die beiden Frauen fassen einen verwegenen Plan, aber ihr Glück steht auf Messers Schneide, denn schon bald bricht der Erste Weltkrieg aus.
Estland, 1989: Bislang hat sich Merike stets ihrem tyrannischen Großvater gefügt, doch jetzt schließt sie sich gegen seinen Willen nicht nur der Unabhängigkeitsbewegung an, sondern kommt auch hinter streng gehütete Geheimnisse der Familie – und entdeckt ihre deutschen Wurzeln.
Vor der wildromantischen Kulisse Estlands beschreiten drei Frauen neue Wege auf der Suche nach Freiheit und Liebe (Quelle: Verlag)