Dienstag, 24. Oktober 2023

Der Westfälische Frieden

Heute vor 375 Jahren wurde der Westfälische Frieden geschlossen. Dabei handelt es sich um den historischen Vertrag, mit dem am 24. Oktober 1648 in Münster (und Osnabrück) der verheerende Dreißigjährige Krieg beendet wurde.

Gerard ter Borch. Der Friede von Münster

Er gilt als der erste europäische Friedenskongress der Geschichte und hat mit seiner Entstehung grundlegend dazu beigetragen, dass viele politische Veränderungen folgten.

Dem Westfälischen Frieden geht ein langes Leiden voraus: der Dreißigjährige Krieg, ein Konflikt, der in ganz Europa wütet und Millionen Menschen das Leben kostet. Durch die brutalen Kämpfe und den Hunger, unter dem vor allem die Zivilbevölkerung litt, reduziert sich die europäische Bevölkerung um ein Drittel.

Offiziell beginnt die Auseinandersetzung im Jahr 1618, als in Prag protestierende Protestanten die Statue des Kaiserlichen Statthalters von Böhmen zertrümmern. Dieser Akt sprengt bald darauf die Grenzen, breitet sich über ganz Europa aus und wird zu einem Kampf um den wahren Glauben. Auf der einen Seite steht die Katholische Liga des Kaisers, auf der anderen befinden sich die Protestanten mit einem prominenten Vertreter wie dem schwedischen König Gustav II. Adolph.

Im Laufe der nächsten drei Jahrzehnte werden ganze Länder verwüstet. Die Kriegsparteien wechseln mehrmals. In den letzten Jahren des Krieges greift auch Frankreich stark in das Geschehen ein. In der Schlacht bei Rocroi erleiden die kaiserlichen Truppen 1643 die entscheidende Niederlage.

Nun sind die Vertreter der verschiedenen Länder und Fraktionen bereit, über einen Friedensvertrag zu verhandeln. Doch es dauert noch einmal fünf Jahre, bis ein Konsens gefunden wird. Endlich wird im Oktober 1648 der Westfälische Friede in Münster geschlossen, und nach mehr als dreißig Jahren blutiger Kämpfe endet der Krieg.

Folgende wichtige Vereinbarungen werden getroffen:
  • Die Unabhängigkeit der Niederlande von Spanien wird anerkannt.
  • Ebenso wird auch der Schweizer Bund unabhängig.
  • Die Edikte von Nantes und Mainz, die die Rechte der Hugenotten in Frankreich einschränken, werden aufgehoben.
  • Dem allgemeinen Religionsfrieden innerhalb des Heiligen Römischen Reiches wird zugestimmt.

Mit dem Westfälischen Frieden werden zum ersten Mal in der Geschichte sowohl die Rechte der protestantischen Fürsten als auch der katholischen Fürsten anerkannt. Außerdem wird ein Gleichgewicht zwischen den europäischen Mächten hergestellt, indem die territorialen und religiösen Rechte der einzelnen Staaten anerkannt werden.

Zudem beendet der Westfälische Friede den Religionskrieg in Europa und etabliert das Prinzip der Religionsfreiheit und Toleranz. Menschen haben nunmehr das Recht, ihre Religion frei auszuüben, es soll keine Diskriminierung oder Verfolgung aufgrund der Religion geben.

Zwar kommt es auch danach immer wieder zu Konflikten und Kriegen innerhalb Europas, allerdings nicht in dem katastrophalen Ausmaß, das während des Dreißigjährigen Krieges so viele Leben gefordert hat.

Der Westfälische Friede schuf damit für lange Zeit die Grundlage für einen Ausgleich von Ideologie und Machtverhältnisse in der Mitte Europas und kann als ein beeindruckendes Symbol des Bestrebens der Menschen für ein friedliches Zusammenleben gewertet werden.

Donnerstag, 12. Oktober 2023

Gemeinsam lesen - UNSAFE von Leonie Lastella: Der erste Eindruck

 

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Eine einzige Nacht, ein furchtbares Verbrechen und Nevahs bisheriges Leben ist zerstört. Mit ihrer Familie taucht sie in dem Küstenstädtchen Rockaway Beach unter. Niemand darf erfahren, wer sie sind. Nevahs Leben wird bestimmt von Panikattacken und der Gefahr, die sie selbst hier einzuholen droht …

Bis sie Jackson – Jax – begegnet. Ihr gut aussehender, ständig feiernder Nachbar treibt sie mit seiner unvergleichlichen Art in den Wahnsinn, aber auch zurück ins Leben. Mit ihm fühlt sie sich wieder sicher und schon bald ist sie machtlos gegen die Gefühle, die er in ihr auslöst. Doch will sie ihre Familie nicht gefährden, darf sie eines nicht tun – ihm die Wahrheit sagen. (Quelle Verlag)

Alex meint:

Ich könnte das nicht. Einfach ein neues Leben beginnen. Wenn man aber in das Zeugenschutzprogramm kommt, muss es ein heftiger Gerichtsfall mit Zeugenaussage gewesen sein. Die drei jungen Protas sind gut charakterisiert. Allerdings bin ich mal gespannt, ob Nevahs Bruder Miller nur so tut oder ob er es einfach verdrängt und auch Angst hat.
 
Nevah, puh die tut mir leid. Sie und natürlich alle vier müssen alles zurücklassen. Boa, die Eltern hatten sogar eine Firma, die jetzt veräußert werden muss. Freunde von heute auf morgen einfach hinter sich zu lassen. Heftig.

Aber was ist da nur passiert. Ob das bald aufgeklärt wird. Dann ist da ja noch Jax mit dem Casinochip. Was hat er für eine Vergangenheit?

Anke meint:

Für mich ist es auch eine beklemmende Vorstellung, wenn Menschen von einem Tag auf den anderen ihr Leben ändern müssen. Ins Zeugenschutzprogramm aufgenommen zu werden, ist dabei besonders heftig. Mir ist verständlich, dass das viele Irritationen hervorruft. Ich finde, dass es der Autorin nachvollziehbar gelingt, die Verunsicherung von Nevah darzustellen. Ebenso wie ihre Ängste und die damit einhergehende Traumatisierung. Das schildert sie sehr intensiv, manchmal ist es mir ein wenig zu viel, weil wir der Auflösung so nur langsam näher kommen.

Auf jeden Fall muss das Ereignis, das zu diesem Schritt geführt hat, einschneidend gewesen sein, gefährlich außerdem.

In Jax steckt mehr, als sich auf den ersten Blick offenbart. Dass auch er sein Päckchen zu tragen hat, macht die Lage nicht einfacher. Ich hoffe, das Ganze wird zwischendurch etwas "leichter", damit wir als Leserinnen von der Last der unbewältigten Probleme nicht erschlagen werden.

Ansonsten mag ich die Annäherung der beiden.

Definitiv kompensiert Miller, der wohl dazu beigetragen hat, dass die Familie ihr altes Leben hinter sich lassen musste, diesen Fakt und damit eigene Schuldgefühle und Ängste, mit seinem oft unausstehlichen inakzeptablen Verhalten. Da brodelt einiges an Konfliktpotenzial ...

Rückblick HOMER Literaturpreis 2023: Leseabend

Ihr habt es bestimmt bemerkt: Die letzten Monate habe ich - wie bereits im letzten Jahr - dem Literaturpreis HOMER gewidmet. 

 

Am vergangenen Wochenende wurden endlich die besten historischen Romane, die 2022 erschienen, von den Verlagen zu Bewertung eingereicht und von der Jury begutachtet worden sind, ausgezeichnet.

Traditionell gibt es am Vorabend einen Leseabend.
Dieses Mal waren dabei:


Ana Pawlik


Heidrun Hurst


Christina Auerswald


Jutta Weber-Bock


Anna Perbandt


Inge Merkentrup


Kerstin Groeper


Die Autorinnen auf einen Blick.

„Literatur ist, was gelesen wird“

Dienstag, 3. Oktober 2023

Blogger für HOMER 2023 - Der Verein HOMER Historische Literatur

Die Leser meines Blogs wissen bestimmt um meine Leidenschaft für historische Romane und mein Engagement für HOMER Historische Literatur. Dazu war in den letzten Monaten reichlich Gelegenheit. Heute möchte ich euch den Verein und seine "Arbeit" etwas näher vorstellen.
Was ist ein historischer Roman? Wie erzeut man Spannung? Was ist wichtiger, die Handlung oder die Darstellung der Charaktere? Muss Kunst das Leben nachahmen oder das Leben die Kunst? Oder ahmen sich beide gegenseitig nach? Was ist Literatur? Gibt es „bessere“ und „schlechtere“ Literatur? Ist Unterhaltung gleichbedeutend mit Trivialität? Warum ist das Wort für Historie das gleiche wie das für Erzählung.

Mit diesen und vielen anderen Fragen beschäftigen sich die Mitglieder des Vereins HOMER Historische Literatur.

Sein Vorstand wurde im Juni 2021 neu gewählt, und seitdem lenken Christina Auerswald als 1. Vorsitzende, Kerstin Gröper-Schmäling als 2. Vorsitzende, Nadja Beinert als Kassenwart sowie Regine Kölpin als Schriftführerin die Geschicke des Vereins.

Die Vereinigung bietet derzeit 71 Autoren der unterschiedlichen historischen Genres und Subgenres eine „Heimstadt“, in der sich jeder, der seine Leidenschaft für das Erzählen von Geschichten im historischen Kontext verschrieben hat, wohlfühlen soll. Der Name HOMER geht auf den antiken Dichter Homer zurück, der mit seiner Fabulierkunst die ganze Bandbreite menschlicher Tragödie und menschlichen Irrens erfasst und Abenteuer, Mord, Gier, Missgunst gepaart mit Liebe und Leidenschaft in eine spannungsgeladene Handlung gepackt hat. Seine Epen erfassen die Mannigfaltigkeit dessen, was Leser an historischen Werken zu begeistern vermag.

Die HOMER-Autoren haben sich neben dem Schreiben ein Ziel gesetzt: Sie wollen die alte Debatte über Trivialliteratur und „ernsthafte“ Literatur und damit die Auseinandersetzung darüber, dass eines „besser“ oder „wertvoller“ sei als das andere beenden. Schließlich ist Literatur dem Wandel von Zeit und Normen unterworfen, wodurch sich die Relevanz von Begrifflichkeiten ebenso verändert. Darum ist es wichtig, wo sich vielfältige neue mediale Möglichkeiten bieten, eindimensionale Begrenzungen abzubauen und den Streit über die Wichtigkeit von Realismus oder Romantik zu den Akten zu legen. Denn beides kann auf seine Art hervorragend sein.

Jedes Jahr vergibt die Vereinigung den HOMER Literaturpreis in Gold, Silber und Bronze für die besten historischen Roman des Vorjahres. Diese Preisträger werden unter anderem mit einer Medaille, einer Urkunde und einem symbolischen Geschenk geehrt.


Am 7. Oktober 2023 werden wir endlich wissen, welche Kandidaten der Shortlist dieses Jahres die Auszeichnungen erhalten.

„Literatur ist, was gelesen wird“

Freitag, 29. September 2023

Die lange Nacht des historischen Romans

Zugegeben eine lange Nacht war es nicht wirklich. Aber wenn sich in der Stadt der sieben Türme um 7:00 Uhr abends sieben Autoren zusammenfinden, um jeweils sieben Minuten aus ihren Werken zu lesen, ist das ein Ereignis, das nicht lang genug sein kann, weil es so viel Freude macht und deshalb die Bezeichnung verdient.


Dies sahen wohl auch die 160 Gäste im ausverkauften Scharbausaal der Stadtbibliothek Lübeck so, die der "Einladung" des Literaturforums Lübeck gefolgt waren, um nicht nur in einem exzellenten und wirklich passenden Ambiente ausgezeichnet unterhalten zu werden, sondern ebenso die Möglichkeit wahrzunehmen, mit sämtlichen Autoren in Kontakt zu kommen und Fragen zu stellen. Natürlich stand auch ein großer Büchertisch bereit, und für die erworbenen Bücher bestand die Gelegenheit, diese sogleich signieren zu lassen.


Hilke Flebbe vom Literaturforum Lübeck war nicht nur für die Eröffnung der "Langen Nacht" verantwortlich. Sie schlug im Verlauf des Abends auch den Gong, der mit lautem Getöse die jeweilige Lesezeit der Autoren beendete. Ihre Mitstreiterin Simone Luers hingegen hatte die Position hinter der Kamera eingenommen. 


Die Fäden für die Anmoderation "ihrer" Autoren hatte Christina Auerswald in der Hand.


Sie ist 1. Vorsitzende des Vereins HOMER Historische Literatur, und sämtliche Lesende sind Mitglieder der Vereinigung. Womit ich sie euch nun endlich auch vorstellen möchte.


Sabine Weiß und Christina Auerswald (für die erkrankte Caren Benedikt)


Sina Beerwald und Udo Weinbörner


Sylvia Lott und Joël Tan


Anna Perbandt


Zu guter Letzt alle auf einen Blick.

Was für ein gelungener Abend. Ich bedanke mich bei allen Beteiligten, es war mir eine Freude, dabei gewesen zu sein.


„Literatur ist, was gelesen wird“

Dienstag, 12. September 2023

Blogger für HOMER 2023 - Das literarische Vermächtnis des Ulf Schiewe: Der eiserne Herzog

 
Spät hat Ulf Schiewe seine Leidenschaft für das Schreiben entdeckt, und trotzdem gehört er zu den Autoren, an die wir denken, wenn wir von historischen Romane sprechen. Es stimmt mich sehr traurig, dass die Schaffensphase so plötzlich durch seinen Tod im März diesen Jahres beendet wurde, und darum freue ich mich, dass ich das letzte veröffentlichte Werk bewerten darf. „Der eiserne Herzog“ steht auf der Shortlist für den Literaturpreis HOMER 2023 und hat gute Chancen, geehrt zu werden.
 
 
 
Dabei ist die von Ulf Schiewe gewählte Thematik auf den ersten Blick gewagt, sind doch die Quellen über die von ihm geschilderten Ereignisse um Wilhelm, den Herzog der Normandie, der als Wilhelm der Eroberer in die Geschichte eingegangen ist, und seinen Kontrahenten Harold Godwinson nicht allein wegen der Ausführungen auf dem berühmten Teppich von Bayeux recht umfangreich und auch wahrheitsgemäß. Wie gelingt es insofern, nicht nur an Hand von historisch korrekten Ereignisse, Fakten und Daten sowie den integrierten Personen den Ablauf des Geschehens darzustellen, sondern auch eine fesselnde Geschichte zu entwerfen, in der die Motivation und die Gefühlswelt der Vergangenheit glaubhaft zum Leser ins Heute transportiert werden?
 
Das Leben des jungen normannischen Herzogs Guilhelm ist geprägt von Kämpfen. Selbst die Frau, die er begehrt und der er in Liebe verbunden sein wird, bedarf einiger Bemühungen. Letztlich wird Matilda von Flandern die Seine und steht treu zu ihm. Auch die Normandie scheint – von einigen Scharmützeln abgesehen – gesichert. An Englaland verschwendet Guilhelm keinen Gedanken, bis der kinderlose König Eadweard ihn zu seinem Nachfolger bestimmt. Ein Affront für die Sachsen. Niemand will einen Normannen auf dem Thron. Vor allem nicht die Familie Godwinson, die im Grunde die Macht im Land in Händen hält.
 
Obwohl Harold Godwinson – zugegeben mit ein wenig Druck von Guilhelm – schwört, den normannischen Herzog zu unterstützen, wird er nach dem Tod des Königs eidbrüchig und zum König gekrönt. Damit kann sich Guilhelm nicht abfinden.
 
In der Schlacht bei Hastings entscheidet sich 1066 nicht nur ihrer beider Schicksal ...


„Der eiserne Herzog“ ist unzweifelhaft ein echter Schiewe, deutlich erkennbar an seinem enthusiastischen und packenden Schreibstil. Hier ist alles auf den Punkt gebracht und ohne überflüssige Floskeln. Nicht nur die Verwendung der gegenwärtigen Zeitform zieht uns als Leser von Anbeginn an ins Geschehen. Es sind ebenso die prägnanten und illustrativen Szenen, die zwischen der Normandie und Englaland wechseln und uns andauernd bannen und die damaligen Ereignisse mit enormer Atmosphäre auf uns wirken lassen. Außerdem wird die Handlung dicht und ohne Längen, voll innerer Kraft erzählt und entbehrt trotz bekannten Verlaufs der Historie nicht der spannungsgeladenen Dramatik in der Entwicklung bis hin zum wuchtigen Schlachtengemälde, das der Autor in höchster Kunst gezeichnet hat.
 
Ulf Schiewe beweist in seinem Werk erneut seine Fertigkeit bei der akribischen und sorgfältigen Recherche und der folgenden Auswertung der Fakten sowie Interpretation mit der eigenen Fantasie, wo es an einer solchen fehlt. Lobenswert ist überdies, dass sich der Autor nicht in maßlosen Beschreibungen der Örtlichkeiten verfängt, gleichwohl sind diese so geschildert, dass sie aich beim Lesen komplett erschließen.
 
Obwohl die Protagonisten im Grunde bekannt sind, erstaunt zum einen die Tiefe, mit der sich Ulf Schiewe ihnen allen gewidmet hat. Mit bemerkenswerter Sicherheit nähert er sich seiner titelgebenden Hauptfigur und stellt sie in den Fokus, ohne dabei die weiteren Persönlichkeiten, die tragende Rollen einnehmen, zu vernachlässigen. Daneben sind die fiktiven Figuren zurückhaltend eingesetzt und agieren ausgezeichnet im Verbund mit ihren historischen Gefährten.
 
Gefallen hat mir, in welcher Art und Weise Ulf Schiewe die Kontrahenten präsentiert. Sowohl Guilhelm als auch Harold offenbaren sich komplexe Persönlichkeiten, die sich in ihren Ansichten und ihrem Bestreben gar nicht so sehr unterscheiden. Sie sind willensstark und konsequent, aber beileibe nicht frei von Widersprüchen.
 
„… Du bist immer so selbstsicher, wirkst so unzerstörbar … Nichts scheint dich umzuwerfen. Kein Wunder, dass man dich den ‚Eisernen Herzog‘ nennt.“, sagt Matilda zur ihrem Ehemann und trifft damit den Nagel auf den Kopf. Indes ist auch sie eine Frau mit Charakterstärken, die Guilhelm an ihr schätzt.
 
Überhaupt nehmen die Frauen beider Männer einen hohen Stellenwert ein. Sowohl Matilda als auch Ealdgyth sind wichtige Stützen ihrer Partner, und die feine Sensibilität des Autors in der Veranschaulichung - auch von emotionalen Momenten - ist grandios und wirkungsstark.
 
Alles in allem ist „Der eiserne Herzog“ ein fulminanter historischer Roman, mit dem Ulf Schiewe sich (ungewollt) ein kleines Denkmal gesetzt hat.
 
 
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Erschienen ist der Roman bei Lübbe Belletristik. Ich danke dem Verlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplares.

Donnerstag, 31. August 2023

Blogger für HOMER 2023 - Interview mit Ana Pawlik

Bald ist ist es soweit: Am 7. Oktober 2023 wird in Ingolstadt der Literaturpreis HOMER in Gold, Silber und Bronze verliehen. Die Autorin Ana Pawlik, deren zweiter Band der Österreich-Saga es nach der Vorjahresnumenierung erneut auf die Shortlist schaffte (meine Rezension findet ihr hier), hat mir ein paar Fragen beantwortet.
 
 
 
Liebe Ana, warum hast du dich an das Verfassen historischer Romane gewagt, da hierfür ja unbestreitbar fundierte Recherchen erforderlich sind?
 
Ich habe selber schon seit Langem gerne historische Romane gelesen und mich oftmals gefragt, wie man es angehen müsste, selber einen Histo-Roman zu schreiben. Dabei war es mir wichtig, dass der Roman dann auch aus verschieden Perspektiven von verschiedenen Figuren erzählt wird. Dann habe ich einen Plan gemacht und begonnen zu schreiben. Eine befreundete Mittelalter-Historikerin, die sich auf den Ostalpenraum spezialisiert hat, hat mir viele Tipps gegeben, wo ich welche Quellen, Berichte und andere Infos über die Zeit finde.
 
Nach "In den Klauen der Macht" setzt du die Reihe mit "Die Welt im Nebel" fort. Wie kam es zu diesem Titel, und welche Beweggründe stecken hinter der Auswahl?
 
Ursprünglich hätte es keine Romanreihe, sondern ein einziges dickes Buch mit etwa 1000-1200 Seiten geben sollen. Als ich etwa so viele Seiten geschrieben hatte, aber noch nicht fertig mit der Story war, habe ich schon mal nach einem Verlag gesucht. Eine Literaturagentur hat mir dann gesagt, dass es beinahe unmöglich sei, einen Verlag für solch ein langes Erstlingswerk zu finden. Ich soll alles entweder auf unter 500 Seiten kürzen oder mehrere Bände machen, von denen jeder aber eine in sich abgeschlossene Geschichte enthält.
 
„Die Welt im Nebel“ hätte ursprünglich der Titel für das gesamte dicke Werk werden sollen, passte dann aber nicht zu Band 1, sondern nur zu Band 2. Der Titel steht einerseits für das oft so verregnete Ennstal, das ja der Hauptspielort ist. Andererseits ist es als Metapher zu sehen: Der König des Reichs ist gestorben und die Welt liegt in undurchsichtigem Nebel. Niemand weiß, wie es weitergehen wird. Über ein Jahr lang gibt es keinen neuen König.
 
Dein Roman führt uns in das Mittelalter, genauer in das Hochmittelalter. Warum ist deiner Meinung nach diese Epoche so anziehend für LeserInnen? 
 
In Österreich gab es vom Mittelalter bis in die Neuzeit zwei große Herrschergeschlechter, die jahrhundertelang – zumindest über den Osten des heutigen Österreichs – geherrscht haben: im späten Frühmittelalter und Hochmittelalter die Babenberger und im Spätmittelalter bis in die Neuzeit die Habsburger. In der Zeit dazwischen wurde der Osten und der Süden Österreichs über ein paar Jahrzehnte lang vom Böhmenkönig Přemysl Ottokar regiert. Und das finde ich sehr spannend. Erst wenn man diese Zeit verstanden hat, versteht man auch, wie es zum Beginn der Habsburger Ära gekommen ist.
 
Deine detaillierte Darstellung der örtlichen und historischen Gegebenheiten lässt eine hervorragende, fast visuelle Betrachtung zu. Was hat dir beim Schreiben Freude bereitet und was nicht?
 
Eigentlich hat alles beim Schreiben Freude bereitet. Mir war es immer wichtig, dass sich die Leser*innen mit allen Sinnen in das Buch hineinfühlen können und dass sie alles sehen, riechen, schmecken, hören und fühlen können, was meine Figuren erleben.
 
Wenn ich etwas nochmal recherchieren musste, weil ich es nicht aufgeschrieben und deshalb Teile davon vergessen habe, dann war das manchmal etwas nervig.
 
Das Leben im Mittelalter ist geprägt von den Gegensätzen zwischen Arm und Reich, Land und Stadt, Frauen und Männern. Tatsächlich überrascht es, dass Glücksmomente insgesamt eher rar sind und im Grunde "jeder sein Päckchen trägt" und sich um sein Dasein bemüht. War das deine Intension beim Schreiben?
 
Ja, jeder sollte seine eigene Geschichte mit seiner eigenen ausführlichen Biografie haben, die erklärt, was meine Figuren antreibt, was sie zu dem oder der Person macht, die sie heute ist und worüber sie nachdenkt. Und trägt nicht auch in der echten Welt jeder sein Päckchen?
 
Konntest du die historischen Persönlichkeiten gut in die Geschichte einbinden, oder gab es dabei Schwierigkeiten?
 
Im Grunde konnte ich sie gut einbinden. Manchmal war es schwierig, dass Ereignisse aus der Fiktion mit Ereignissen aus der Historie zeitlich zusammenpassen. Da musste die Fantasie dann nachhelfen und noch weitere Ereignisse geschehen lassen, damit dann beides wieder zusammenpasste.
 
Euphemia musste im Buch zum Beispiel lange auf ihr erstes Kind warten und eine Fehlgeburt durchmachen, da die Kinder der historischen Person Euphemia in Quellen auch erst zu einem späteren Zeitpunkt datiert sind.
 
Hast du während des Schreibens Veränderung bei der Entwicklung, Handlung und Haltung deiner fiktiven Figuren vorgenommen? Wenn ja, welche?

Irenfried hatte ursprünglich eine kleinere Rolle. Kein Kapitel war anfänglich aus seiner Sicht beschrieben. Das hat sich erst so ergeben, als ich aus dem dicken Buch eine Buchreihe geschaffen habe. Es gefällt mir jetzt aber so besser, weil man jetzt auch erfährt, was Irenfried in seiner Kindheit und Jugend erlebt und ihn zu dem gemacht hat, was er jetzt is.

Die Magd und spätere Bäuerin Bertrada hat es in der allerersten Planung noch nicht gegeben. Sie ist während des Schreibens entstanden …. Zum Glück. Denn ich finde ihre Rolle wichtig.
 
Welche Personen liegen dir vor allem am Herzen? Gibt es auch welche, die dich erzürnt haben?
 
Meine Lieblinge sind Claus und Ännlin. Bertrada bringt mich mit ihrem Duckmäusertum manchmal zum Verzweifeln. Und Rudwin verabscheue ich leidenschaftlich.
 
Da stimme ich mit dir überein, ich schätze Claus und Ännlin sehr. Betrada tut mir auch ein wenig leid, und Rudwin wünsche ich wirklich nichts Gutes ... Einmal angenommen, du könntest für einen Tag in die Haut einer deiner Figuren schlüpfen, welche wäre das und warum?
 
Ännlin, wenn sie durch den Wald schleicht und sich in ihrem Waldhaus über dem Feuer einen Eintopf zubereitet. Denn ihr Waldleben, so hart es auch war oder ist, verströmt einen Geruch von Freiheit.
 
Oh ja, diese Auswahl kann ich sbsolut nachvollziehen ... Nachdem du dann wieder in der Gegenwart angekommen bist: Wer oder was kann dir einen anstrengenden Recherche- oder Schreibtag "versüßen"?

Ein Kaffee mit Hafermilch, ein Glas Rotwein oder auch eine Radtour durchs Ennstal. Radtouren durchs Ennstal sind immer gut, denn wenn ich völlig mit den Gedanken in meinen Büchern versunken bin, kann ich mich dabei ein bisschen so fühlen, als reite ich wie Arnulf auf dem Pferd durch die Gegend.
 

Vielleicht reiten wir einmal gemeinsam, nicht nur in Gedanken ... Ein herzliches Dankeschön, liebe Ana, dass du dir für die Beantwortung meiner Fragen Zeit genommen hast.